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Personal Essay: ein Spiel-Raum für die eigene Stimme

Ich glaube, dass der Personal Essay eine wunderbare Form ist, der eigenen Stimme mutig Raum zu geben.

Das erste Mal außerhalb des Tagebuchs erlebt habe ich die Freude, mit meiner eigenen Stimme über meine persönlichen Wertvorstellungen zu schreiben, bei Schularbeiten – eine, zwei oder gar drei Stunden lang essayistische Schreibfreude! Dann kamen viele andere Textsorten, vor allem wissenschaftliche Texte und verschiedene längere berufliche Textsorten. Ich habe viele essayistische Texte verfasst, die aber nie aus dem Tagebuch rauskamen.

Im Seminar Writers` Tricks 2007 entdeckte ich den angenehm kurzen knackigen Personal Essay – und ich erlebte,  wie ein Personal Essay Schritt für Schritt entsteht. Beim Schreiben eines Personal Essays tauchen Fragen auf wie: Woran glaube ich eigentlich? Kann ich darüber etwas Lesenswertes schreiben? Interessiert sich dafür jemand?

Ich erfuhr: ja, ich darf mich hinstellen und sagen, woran ich glaube! Das erfordert viel Mut – aber es ist erlaubt und heißt Credo Essay. Mehr als Hunderttausend Menschen haben schon so einen Credo Essay auf thisibelieve.org veröffentlicht und lesen auch gerne die Texte anderer! Und dann bekam ich im Seminar mit Judith Wolfsberger zum ersten Mal friendly Feedback auf einen Text, mit konkreten Hinweisen auf starke Stellen und Verbesserungsvorschläge! Ich schwebte heim, so viel nahm ich mir mit aus diesem Seminar.

Jetzt unterrichte ich selbst zum fünften Mal Personal Essay und lerne dabei sehr viel über Schreiben und Mut. Ich lasse mich bei jedem Seminar von neuem darauf ein, meine eigenen Glaubenssätze aufzuschreiben und schreibend zu erforschen, was meine Grundwerte sind.

Warum ist der Personal Essay so eine tolle Textsorte, abgesehen davon, dass sie zum Bloggen taugt? Ich kann mit meiner persönlichen Stimme, mit konkreten Beispielen aus meinem Leben zeigen, dass es darauf ankommt, was ich denke, was ich glaube. Schreiben hat viel mit Mut zu tun. Es ist jedes Mal aufregend, einen Credo Essay zu schreiben. Und es ist aufregend, ihn auch vorzulesen. Mir klopft jedes Mal das Herz bis zum Hals. Jeder Credo Essay macht mich mutiger. Beim Bloggen habe ich viele schnelle Essays geschrieben und diese kaum überarbeitet. Ich habe v.a. geübt, meine persönliche Stimme zu finden. Eine Stimme zu finden, die mir passt wie meine Lieblingsjeans, bequem, authentisch, einfach ich.

Ich glaube, dass der Personal Essay eine wunderbare Form ist, der eigenen Stimme mutig Raum zu geben.

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Alles, was wir schreiben wollen, ist schon in uns

„Alles, was wir schreiben wollen, ist schon in uns“, sagt Gundi Haigner, wenn sie in ihren Schreibworkshops für Jugendliche die Methode des Freewriting vorstellt und die Jugendlichen animiert, dem Schreibprozess zu vertrauen.

Als Schreibende brauchst du nur dein Tagebuch und einen Stift, um das Tor zum inneren Raum zu öffnen. Beim täglichen Schreiben entdeckst du deinen inneren Raum, baust ihn täglich weiter aus, erfüllst deinen potencial space mit Bildern, Inhalten, Bedeutung und Sinn.

Es ist ein Raum, der nur dir gehört, ein sicherer Raum, in dem du wachsen und dich entfalten, Altes ordnen und Neues ausprobieren kannst… dein Raum, in dem deine ganz persönliche Stimme, deine voice sich entfalten darf…

Finde täglich zehn Minuten Zeit für dein Schreiben – in der Früh Morgenseiten, in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause, zehn Minuten, bevor du deine to do-Listen angehst, beim Warten auf den Bus… schreibe zehn Minuten Freewriting, wild, unzensuriert, frei und nur für dich – und freu dich aufs nächste Mal!

3 Lektionen, die du beim Memoir-Schreiben lernen kannst

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Vor zwei Jahren habe ich in Ana Znidars genialem Memoir-Workshop mit dem Schreiben eines Memoirs begonnen. Nachdem ich den Rohtext gut acht Monate liegen gelassen habe, hat mich am 1.September die unbändige Lust gepackt, dieses Buch zu überarbeiten und bis zum Start des NaNoWriMo (1.November) abzuschließen. Einen besonderen KIck bekommt dieser Endspurt durch regelmäßige Schreibtreffs, wie z.B. am Schreibmontag.

Um mir den Abschied von meinem Memoir-Schreibprojekt leichter zu machen, teile ich hier im Blog einen Blick zurück: Was hat mich der Prozess des Memoir-Schreibens gelehrt? Wie kann Memoir-Schreiben das Schreiben vertiefen und weiterentwickeln?

1) Story Questions: Auch ein literarisches Projekt wie ein Roman oder ein Memoir  braucht leitende Fragen. Wissenschaftliche Texte oder Sachtexte werden durch Forschungsfragen oder durch die journalistischen W-Fragen strukturiert und bekommen so einen roten Faden.

Ein literarischer Text wird nicht einfach nur im literarischen Schaffensrausch geschrieben, sondern ebenfalls durch Fragen, durch sogenannte Story Questions strukturiert:

Worum geht es in dieser Geschichte? Was steht für die Protagonistin auf dem Spiel? Wie ist sie aus dieser schwierigen Situation herausgekommen? Was hat sie daraus gelernt? Was ist „die Moral von der Geschichte“?

Das musst du nicht schon zu Beginn des Memoir-Schreibens wissen, aber spätestens irgendwann mittendrin, wenn du nach dem Von-der-Seele-Schreiben beginnst, dein Projekt zu reflektieren und mit literarischen Mitteln zu gestalten, damit du zu deinen LeserInnen hinausreichen kannst.

2) Voice: Wer schreibt? Bei einem Memoir ist es besonders wichtig, welche Stimme die LeserInnen durch eine aufwühlende Geschichte führt.

Ein Memoir ist nicht die Geschichte deines Lebens, sondern EINE Geschichte aus deinem Leben, wie z.B. die Geschichte deines Mutterwerdens oder wie du eine Krebserkrankung überwunden hast. Es ist immer auch die Geschichte, wie du diese Erlebnisse bewältigt hast, wie du den Sinn und die Bedeutung deiner Erlebnisse erzählst.

Deshalb gibt es mindestens zwei Stimmen in deinem Memoir – die Stimme von damals, die die LeserInnen direkt hinein zieht in Szenen aus deinem Leben – und eine reflektierende Stimme von heute, die die LeserInnen durch den Text führt. Diese Stimme von heute ist besonders wichtig für die LeserInnen, um sie beim Lesen nicht zu re-traumatisieren, sondern um ihnen das zu vermitteln, was du durch deine Erfahrungen gelernt hast.

3) Lass dir Zeit! Nach einem Jahr, in dem ich immer wieder in mein Memoir eintauchte, auch in schmerzhafte Erinnerungen eintauchte, ließ ich mir zwischen den einzelnen Schreibphasen immer Zeit. Ich wollte gut auf mich aufpassen und mich nicht re-traumatisieren. Die Memoir-Schreibgruppe traf sich etwa einmal im Monat, das war ein guter Abstand für meinen Memoir-Prozess.

Nach der Fertigstellung des Rohtexts durfte das Memoir mehr als ein halbes Jahr „abhängen“, bevor ich damit begann, am Papier-Ausdruck erste Überarbeitungsnotizen hinzukritzeln und schließlich am PC einzuarbeiten. Nach dem Zeit-Lassen tut es mir jetzt sehr gut, in diesen Endspurt-Abschluss-Drive einzutauchen. Denn ich freu mich schon sehr darauf, im November, im NaNoWriMo, ein neues Schreibprojekt anzugehen.

Was hast du beim Memoir-Schreiben gelernt?

Johanna Vedral

Foto: „The Raven“ von Johanna Vedral