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Die Überarbeitung genießen

Johanna Vedral Überarbeiten

Bist du auch ein/e viel und leicht Texte produzierende/r Drauflosschreiber/in? In den Schreibfluss springst du mit Leichtigkeit? Neue Ideen, Freewritings, Ideen-Cluster, Rohtexte sprudeln nur so raus aus dir und du füllst mit großer Freude unzählige Notizhefte oder ellenlange Word-Dokumente? Du hast mehrere angefangene Bücher in den virtuellen Schubladen deines Computers liegen?

Sobald es aber an die Phase des Überarbeitens geht, ist Schluss mit lustig. Das Lustprinzip verschwindet und du weißt, jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Wie der Name schon sagt, Überarbeiten ist mit Arbeit verbunden. Viel Arbeit, denn wenn der Rohtext fertig ist, brauchst du etwa gleich viel Arbeit, um deinen guten Rohtext in einen sehr guten fertigen Text zu verwandeln, der deine Leser/innen anspricht.

In allen Phasen des Schreibprozesses ist der Einsatz unterschiedlicher Schreibstrategien und regelmäßiges Üben zielführend. Ein besonders wichtiges Schreibwerkzeug ist die aktive, mutige Arbeitshaltung. Wie sieht die optimale Einstellung zur Phase des Überarbeitens aus?

Genießen Sie die Überarbeitung. Sehen Sie sie nicht als Strafe, sondern als Geschenk“, empfiehlt Heike Thormann: „Ich liebe meine Texte (…) Deshalb liebe ich auch die Überarbeitung – und wünschte, ich hätte mehr Zeit für sie. Zeit, um meine Texte zu verbessern, um zu lernen, und um das wertzuschätzen, was schon gut geworden ist.“

Wie komme ich zu einer derartigen Haltung dem Überarbeiten gegenüber?

Zuerst einmal mit Friendly Feedback. Ich suche mir eine Schreibgruppe mit anderen Schreibenden, die bereit sind, wohlwollend mit ihren eigenen Texten und denen ihrer Schreibkolleg/innen umzugehen. In konstruktiven Feedbackrunden bekomme ich gespiegelt, was an meinem Text schon gut und klar ausgedrückt ist und wo die Leser/innen noch mehr brauchen, um den Text zu verstehen oder gar von ihm mitgerissen zu werden.

Oder bei Ana Znidar, die in ihrem genialen Workshop „Die große Kunst des Überarbeitens“ eine Fülle an Überarbeitungs-Tools vermittelt, mit denen der Überarbeitungsprozess in kleine machbare Einheiten heruntergebrochen wird. Und auf einmal macht Überarbeiten Spaß!

Ich habe mich nach zwei Tagen spielerischen Überarbeitens an zwei halbfertigen Short Stories in Anas Workshop einfach so an den Rohtext meines Sachbuches gesetzt, das mir bis jetzt beim Überarbeiten sperrig, mühsam und wenig lustvoll erschien. Eine stimmigere Struktur ist auf Clustern erschienen, ich habe meine  Materialien entlang dieser neuen Struktur mit Freude(!) in eine neue Ordnung gebracht. Besonders hilfreich war für mich das Neu-Denken des Überarbeitens durch das Teilen meines Textes in Szenen und den neuen Blick auf die Charakterisierung, die auch bei Sachtexten wichtig ist. Nun sehe ich lauter bewältigbare Überarbeitungseinheiten vor mir statt eines 140-Seiten-Dings, das mir diffuses Unbehagen erzeugte, sobald ich nur daran dachte oder das Dokument öffnete. Yippieh! Ich muss jetzt Schluss machen, weil ich die gestern geclusterte neue Struktur ins Word-Dokument übertragen möchte und freue mich schon auf die nächste längere Überarbeitungs-Session im Schreibtreff

P.S.: Der nächste One Day Writers` Retreat im writers`studio findet übrigens am Montag, 12.Oktober statt!

Auf der Schreib-Insel

Schreibcoaching Johanna Vedral

In diesem Sommer habe ich neue Schreib-Inseln entdeckt. Eine davon war eine richtige Insel, die ostfriesische Insel Norderney, deren speziellen Charme ich auf dem Foto oben festgehalten habe 🙂
Aber es gab noch viel mehr Inseln der Schreib-Freude für mich: als Slow Travellerin, die lieber in den Zug als ins Flugzeug steigt, um durch Europa zu rollen, habe ich es genossen, Stunden um Stunden zu schreiben, mit dem ständigen Flow der Vorwärtsbewegung eines Zuges oder einer Fähre. Ich habe diesen Sommer aber nicht nur in Zügen geschrieben, sondern auch auf Bahnhöfen, Gartenbänken, Gästebetten, Erkern, Kaffeehaustischen, Museensesseln, Terrassen, in Bibliotheken und auf Parkbänken, in U-Bahnen und manchmal auch im Stehen, an ein Fensterbrett gelehnt…
Schreib-Inseln gibt es mehr, als du dir vorstellen kannst 🙂
Wieder zuhause, bin ich weiter im Schreib-Reise-Modus und freue mich darauf, neue Schreib-Orte zu entdecken. Ich habe ja das Glück, in Wien zu wohnen, wo ich jeden Tag Schreib-Insel-Hüpfen oder zu meinem Lieblings-Schreibbrunnen gehen kann.
Eine ganz besondere Schreib-Insel können alle neugierigen Schreib-Nasen am 18. & 19. September beim Open House im writers`studio in Wien besuchen. Zwei Tage lang Gratis-Schreib-Workshops mit einem interessanten Rahmenprogramm (Details demnächst hier!) haben in den letzten Jahren nicht nur WienerInnen, sondern auch Leute aus den Bundesländern angelockt. Wir freuen uns darauf, euch auf unsere Schreib-Insel einzuladen!

Text: Johanna Vedral
Bild: Norderney, Weststrand, 8.8.2015, 16:00, 21 Grad. Johanna Vedral

Schreiblust herbeizaubern

Collage Writing Johanna Vedral

Wenn ich doch nur einfach mit den Fingern schnippen müsste, um in Schreiblaune zu kommen. Wer wünscht sich das nicht, ein Zauberritual, das sofort in Schreibfluss versetzt? Uns ohne Widerstand in gute Schreibstimmung bringt und die zickige Muse becirct?

Doch, es gibt diesen Eingang in deinen Schreibraum, der zeitlich begrenzt durch rituelle Handlungen weiter gerahmt werden kann. Du kannst deine Muse konditionieren. Sie kann lernen, dass zum Beispiel Kaffeeduft gleich Schreiblust ist. Für Schiller war es der Duft eines schrumpligen Apfels. Viele schwören auf den Duft von Kaffee in ihrem Lieblingshäferl, andere tanzen 5 Minuten zu ihrem Lieblingssong.

Bei mir wirken 10 Minuten Freewriting als sanfter Einstieg ins Schreiben, ein Tagesplan mit Alternativen, aus denen ich aus einer Fülle aus kleinen (!) Aufgaben auswählen kann und eine Stoppuhr, die jede Aufgabe zeitlich begrenzt. Wenn das alles nicht hilft, spaziere ich zu meinem Zauberbrunnen und schon fließt mein Schreiben… Das ist mein Zauberritual, um die Muse herbei zu locken. Und was hilft bei dir?

Worte sprudeln am Kaskadenbrunnen

Bild

„Du hast schon länger keinen Blogbeitrag geschrieben“, erinnert mich eine Freundin. Bevor mein Blog jetzt eine vorwurfsvolle Stimme erhebt und mich triezt mit „Du solltest endlich mal wieder einen Blogartikel schreiben!“, schreibe ich lieber einen kurzen Lagebericht aus meiner Welt des Schreibens. Seit ich den Kaskadenbrunnen im Belvedere entdeckt habe, ist das einer meiner Lieblingsschreibplätze. Das beständige Strömen und Rauschen der Wasserspiele lässt auch mein Schreiben munter sprudeln.

Nach einer Phase mit v.a. privatem Schreiben und Schreibdenken in Tagebuch und Journal schreibe ich dzt. an einem Text, von dem ich noch nicht weiß, ob es ein längerer Essay über „Erinnern und Schreiben“ oder ein Kapitel meines zu ca. 80% fertigen Memoir-Projekts wird. Aus jedem kleinen Gedanken, zu dem ich schnell mal einen Blogartikel verfassen will, wird z.Z. eine längere Passage für das Memoir oder den ebenfalls zu ca. 80% fertigen Roman. Beim Hin- und Herjonglieren zwischen diesen zwei Schreibprojekten (zwischen einer Flut von zu lektorierenden Texten) geht es mehr darum, viele Fäden zusammenzuführen und ums Überarbeiten, weniger um das Experimentieren mit dem Modus, aus dem heraus bei mir schnelle Blogtexte fließen.

Dieser Blogtext ist nach zwei Stunden Exzerpieren, Clustern und freewritings rund um das Thema „Erinnern und Schreiben“ am rauschenden, strömenden, munter sprudelndem Wasser entstanden. Als der Wind mein Schreibbuch mit einem feinen Wassersprühregen befeuchtet, wechsle ich von der Füllfeder zum rosa Kugelschreiber. Meine Wasserflasche ist leer getrunken, also schwinge ich mich wieder aufs Fahrrad und fahre heim, um meine Rohtexte abzutippen. Den Schreibfluss vom Brunnen nehm ich mit!

Autorin: Johanna Vedral

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org

Warum das Schreiben mit der Hand besser geeignet ist als Tippen

Warum das Schreiben mit der Hand besser geeignet ist als Tippen, wenn wir Inhalte nachhaltig im Gedächtnis behalten wollen, beschreiben die amerikanischen PsychologInnen Mueller und Oppenheimer in ihrem Artikel „The Pen Is Mightier Than the Keyboard. Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking“. (siehe auch http://science.orf.at/stories/1737545/)

Die ForscherInnen konnten in ihrer Studie zeigen, dass der Laptop eher zum mechanischen Abtippen des Gehörten, zum Transkribieren ohne Mitdenken, verleitet. Daher schnitten Studierende, die bei Vorlesungen am Laptop mitschrieben, beim Abprüfen der Vorlesungsinhalte schlechter bei Fragen zum konzeptuellen Verständnis ab als Studierende, die händisch mitgeschrieben hatten.

Schreiben mit der Hand hat aber noch viele weitere Vorzüge. Für mich garantiert händisches Schreiben mit meiner Lieblingsfüllfeder, dass das Schreiben mühelos fließen darf… Wenn ich vor einem Word-Dokument sitze und das Schreiben ins Stocken kommt, wirkt der Wechsel zu Füllfeder und Papier immer sehr befreiend. Dann spüre ich sofort, dass das jetzt nur ein Rohtext ist, den ich später beim Abtippen noch einmal überarbeiten kann… und schon ist der innere Kritiker überlistet und ich schreibe wieder ungehemmt drauf los 🙂

Im writers`studio vermitteln wir Methoden für Schreibfluss, Schreibfreude und Schreibstrategien– komm und schreib mit!

Der nächste offene Schreibtreff findet am Freitag, 2.Mai statt:

Schreibnacht am Freitag, den 2. Mai 2014,
19.45 (Einlass) bis ca. 23 Uhr im writers‘ studio, 1090 Wien, Pramergasse 21
„Memoir – Geschichten, die nur du schreiben kannst“
Moderiert von Ana Znidar
www.writersstudio.at/schreibnaechte.php

Autorin: Johanna Vedral

Für wen schreibst du?

Wer wird, wer soll deinen Text lesen? Der Adressat deines Textes ist eine wichtige Komponente im Schreibprozess. Denn: „Zu wissen, für wen man schreibt, heißt, zu wissen, wie man schreiben muss.“ (Virginia Woolf)

Als Studierende hast du beim Schreiben deiner Diplomarbeit in der Regel deinen Betreuer  als Leser im Kopf. Ich höre oft von Studierenden, dass sie das Gefühl haben, nur fürs Regal zu schreiben – „Das liest ja eh nie jemand“ – oder gar ins Leere zu schreiben. Dass der Betreuer die Masterthese nicht nur lesen, sondern auch kritisch beurteilen wird, kann einschüchtern und den Schreibfluss hemmen, besonders wenn es unsensible Kommentare des Betreuers zu (oft noch sehr rohen) Textproben des Studierenden gibt.

Neben dem realen Betreuer als Leser haben die meisten von uns gedachte Adressaten im Kopf. Peter Elbow nennt diese kritischen inneren Stimmen „readers in the head“, die Personen repräsentieren, die in der Vergangenheit unsere Texte bewertet und kritisiert haben. Bei vielen meiner KursteilnehmerInnen waren es oft rotstiftschwingende Deutschlehrer/innen, deren kritische Stimmen zu so massiven Schreibhemmungen geführt haben, dass das Schreiben im Studium als unüberwindbare angsteinflößende Hürde erscheint.

Wie kannst du mit den kritischen inneren und äußeren Stimmen umgehen, so dass sie dich beim Schreiben nicht behindern?

Mir hat beim Schreiben meiner eigenen Diplomarbeit geholfen, mir als Leser/innen andere Studierende vorzustellen, die Jahre später nach einem guten Überblick über die von mir gewählte Methode der Heidelberger Strukturlegetechnik zur Erfassung Subjektiver Theorien recherchieren werden 🙂 Ich habe also nicht nur für meine Betreuerin geschrieben, sondern auch für die Scientific Community. Wie dieses leserorientierte Schreiben funktioniert, d.h. wie du den Leser mit Metaformulierungen durch den Text leiten kannst und wie dadurch der vom Betreuer geforderte rote Faden sichtbar wird, kannst du lernen, z.B. hier

Während des Schreibens kannst du dir auch einen freundlichen Adressaten vorstellen, einen „friendly reader“. Das kann z.B. eine wohlwollende Studienkollegin sein. Um mit dem inneren Kritiker gut zurecht zu kommen, hilft, ihn beim Schreiben deiner ersten Fassung gedanklich wegzuschicken und erst später, wenn es ans Überarbeiten geht, wieder einzuladen, kritisch deinen Rohtext zu betrachten.

 Autorin: Johanna Vedral

Mit der Hand schreiben?

Ich schreibe am liebsten mit der Füllfeder. Da geht das Schreiben schnell, flüssig, ungeniert, persönlich, intim, frei, roh und wild. Da geht es nur darum, die Gedanken und Bilder aufs Papier zu bringen, damit sie mal in die Welt gesetzt und in einem Text nur für mich festgeschrieben sind.

Mit der Schreibmaschine (ja, damals, in der Steinzeit) funktionierte das freie Schreiben auch ganz gut, weil sowieso klar war, dass ich den ersten Entwurf noch mal in Reinform tippen musste. Der große Nachteil der Schreibmaschine war für mich der erforderliche kräftige Tastenanschlag, was bei meinem Zweifingersystem so manchen Schreibrausch mit breitgeklopften schmerzenden tintenschwarzen Fingern beendete. Beim Umstieg auf die leichtgängigeren Computertastaturen brauchte ich auch länger, um das kräftig in-die-Tasten-Hauen in ein sanftes über-die-Tasten-Gleiten zu verwandeln. Mittlerweile verwende ich vier Finger beim Tippen. Wenn das so weitergeht, bin ich mit 100 beim Zehnfingersystem angekommen. 🙂

Die anfangs mit großer Begeisterung aufgenommene Papier- und Tipp-Ex-Ersparnis durch den Umstieg auf den Computer wich bald einer neuen Schwierigkeit beim Schreiben. Die coolen Tools der zunehmend ausgefeilteren Textverarbeitungsprogramme führten dazu, dass ich leicht beim Rohtextschreiben in den Überarbeitungsmodus verfallen konnte, musste ich doch nur die Delete-Taste drücken und konnte mitten im Satz mit dem Umformulieren beginnen.

Mittlerweile habe ich eine Strategie gefunden, Rohtexte auch am Computer zu schreiben: Ich verzichte konsequent auf Großbuchstaben, weil es schneller geht, wenn ich nicht dauernd die Umstelltaste drücken muss. Auch auf die korrekte Interpunktion und das sofortige Ausbessern von Tippfehlern pfeife ich, das kann ich ja beim Überarbeiten machen. Am besten ist, ich schaue auch nicht auf den Bildschirm, weil ich den Schreibfluss nicht durch Zurücklesen einbremsen will. Beim Überarbeiten lese ich den Text sowieso.

Gelingt es mir nicht, in einen flüssigen Schreibmodus zu kommen, hilft bei mir nur zum händischen Schreiben zurückzukehren und mir mit meinem Notizbuch einen neuen Schreibplatz zu suchen, wo es fließt. Schließlich schreibe ich ja auch deshalb so gern, weil sich das anfühlt, wie in einer sprudelnden Quelle zu baden, die mich mit der ganzen Welt verbunden fühlen lässt. Ich schreibe, weil es mich glücklich macht – und um dieses Glück mit-zu-teilen.

Wie hältst du es mit dem Rohtext-Schreiben?

Autorin: Johanna Vedral