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Den fiktionalen Traum träumen

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Literarisches Schreiben ist für mich wie Träumen: Ich mache Geschichten aus Elementen, Personen, Konflikten in meinem Leben. Durch die freie Verwendung solcher Ingredienzien passiert dann etwas Magisches, die Figur, die zum Beispiel Züge eines Freundes, von mir selbst und einer Filmfigur hat, entwickelt sich zu einer eigenständigen Figur, erwacht zu ihrem eigenen Leben und überrascht mich dann auch mit ihren Reaktionen. Durch diese Verwandlung von Elementen aus meinem realen Leben kommt Magie in mein Leben.

Ich bin beim Schreiben also die allmächtige Magierin, die Klarträumerin, die hier unterschiedlichste Gelüste ausleben darf, die ich mir als zivilisierte Person meist nicht gestatte. Ich lasse meine Figuren fluchen, sich in riskante oder sehr unangenehme oder richtig durchgeknallte Situationen begeben, sie lügen, betrügen, ja morden, sie dürfen Wagnisse eingehen und Nervenkitzel erleben, den ich selbst nicht unbedingt in meinem real life haben muss.

Meine Allmachtsfantasien kann ich so beim Schreiben sehr genüsslich ausleben, denn ich habe die Kontrolle über meine Charaktere, meine Geschichten. Auch wenn sie sich in ungeahnte Richtungen entwickeln und mich überraschen, ist es doch immer so, dass letztendlich ich entscheide, was mit ihnen passiert, wohin die Geschichte sich bewegt.

Fiction Writing, das Schreiben von erfundenen Geschichten,  ist für mich – wie Lesen – auch die perfekte Fluchtmöglichkeit. Es tun sich beim Lesen Fluchträume auf, die andere geschaffen haben. Schreibe ich mir diese Welt, diese Geschichte, diesen Safe Place selbst, hat das etwas besonders Magisches an sich. Für die Dauer des Lesens oder Schreibens kann ich an einen Ort hinter dem Spiegel gelangen.

Ich freue mich beim Schreiben der Geschichte, dass ich in dieser fiktiven Welt hinter dem Spiegel schwelgen, in andere Charaktere, in andere Leben hinein- und wieder hinaus schlüpfen kann, in meinem Tempo, auf meine Art, wie es mir gefällt, ob gruslig, schnoddrig, mystisch oder kitschig, alles ist erlaubt. Beim Überarbeiten erfreue ich mich dann daran, wie ich den fiktionalen Traum gestalte, dass auch andere sich davon einspinnen lassen…

Besonders lustvoll ist gemeinsames Geschichten herbeizaubern, zum Beispiel in Ana Znidar`s Seminar Short Story, mit dem sie seit 10 Jahren erfahrene Schreibende gleichermaßen wie AnfängerInnen verzaubert…

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Wer ist es, der im Roman „Ich“ sagt? Ist die Autorin mit dem Text gleichzusetzen?

„Hast der Autor das so erlebt oder erfunden?“, wollen LeserInnen gerne wissen, wenn sie einen Text lesen. Und viele AutorInnen befürchten, mit ihren Texten, ihrem fiktionalen Ich gleichgesetzt zu werden. Beim Lesen begegnen wir dem Text wie auch dem Autor – doch ist der Autor nie mit dem Text gleichzusetzen, denn: „Das, was als privat erscheint, kann nicht privat sein, denn das Ich in der Literatur ist kein autobiographisches, sondern immer ein fiktionales, ein erfundenes Ich.“[1]

Kann erzählende Prosa überhaupt ohne Erfahrung des Autors auskommen? Gibt es Prosatexte, die nichts mit dem Autor und seinen Erfahrungen zu tun haben? Und heißt das, dass jeder Text autobiographisch gefärbt ist? Nein, denn „die autobiographisch Wirklichkeit ist stets nur das Rohmaterial für den Text.“ Es geht aber in einem Text nie um die Wirklichkeit, sondern um Erinnerungen: „Am Anfang allen Schreibens steht die Erinnerung“, postuliert Anna Mitgutsch.

Die Fiktionalisierung dieser Erinnerungen, d.h. die Umformung des Erlebten, des Erinnerten zur Geschichte ist schon ein schöpferischer Vorgang. So wie der Traumtext schon nicht mehr mit dem Traumerleben gleichzusetzen ist, denn der aufgeschriebene Traum ist schon eine fiktionalisierte Erinnerung an einen Traum. So wird Erinnern zur textkonstituierenden Tätigkeit, d.h. Erinnerungen, Gefühle und Stimmungen werden neu geordnet. Es gibt daher auch keine historische Wahrheit in der individuellen Erinnerung des Menschen, sondern stets nur eine narrative Wahrheit

Wer ist es, der im Roman Ich sagt? Das fiktionale Ich artikuliert eine existenzielle Erfahrung, doch die Intensität der Sprache und der Darstellung kommt aus dem realen Schmerz der Autorin. Dieser Schmerz erzeugt Glaubwürdigkeit, indem er authentische Stimmungen und Gefühle künstlerisch neu arrangiert, in einen neuen Kontext stellt. Dieser Kontext, der die subjektiven Erinnerungen des Autors exemplarisch, allgemein gültig und nachvollziehbar macht, kreiert aus den Erinnerungen „etwas, das sich der Leser als (…) eigene Wahrheit aneignen kann.“

[1] Mitgutsch, Anna (1999). Erinnern und Erfinden. Grazer Poetikvorlesungen. Graz: Droschl Verlag