Schlagwort-Archive: Die Kunst des Überarbeitens

Hurra, mein erstes Memoir ist fertig!

Memoir schreiben

Hurra, mein erstes Memoir ist fertig! Nach einer weiteren Reifungs-Phase konnte ich mich nun an die vorerst letzten Überarbeitungsgänge machen. Nun geht das 220seitige Manuskript an meine Testleserinnen. Expose und Leseprobe starten die Verlagsrunde.

In diesem Buch verarbeite ich die äußerst schwierige Beziehung zu meiner Mutter und wie ich es geschafft habe, mich aus der Gewalt im Elternhaus zu befreien. Begonnen habe ich damit im Herbst 2012 im Rahmen einer Memoir-Schreibgruppe bei Ana Znidar. In der „Memoir in progress“-Gruppe bei Judith Wolfsberger ist das Buch dann mit viel Feedback weiter gewachsen.

Wie es sich für ein gutes Memoir gehört, durfte es zwischendurch immer wieder für ein paar Monate ruhen und reifen. Anders hätte ich über diese aufwühlenden schmerzhaften Erinnerungen auch nicht schreiben können. Die Reifephasen dazwischen waren notwendig, um das Material so für LeserInnen aufzubereiten, dass sie von der Geschichte nicht traumatisiert werden, sondern neben der „heftigen“ Story auch genug Anregung zur Reflexion ihrer eigenen schwierigen KIndheitssituationen bekommen.

Ich bin schon sehr gespannt auf das Feedback meiner Testleserinnen! Ich freue mich auf den Release dieses Buches, weil da schon einige neue Projekte nachdrängen, die fertig geschrieben werden wollen. 🙂

Johanna Vedral

Advertisements

Bist du eine Flow-SchreiberIn?

Viele Schreibende bevorzugen einzelne Schreibphasen und hadern mit anderen.

Der eine träumt gerne von den Texten, die er schreiben wird, fängt aber nie an. Wie schön, wie viele Möglichkeiten es in der Ideenfindungsphase gibt! Die andere strukturiert und plant gerne, tut sich aber schwer damit, im Freewriting einfach shitty first drafts zu produzieren. Andere wiederum schreiben drauflos und verlieren sich irgendwann in den unendlichen Rohtext-Mengen, die sie produziert haben.

Beim Rohtext-Schreiben bin ich eine ziemliche Draufgängerin. Ich schmeiße die Worte hin und vertraue darauf, dass da etwas davon brauchbar sein wird. Vielleicht die Hälfte davon, oder weniger, aber das macht nichts. Ich bin eine Flow-Schreiberin. Für mich ist es unglaublich wichtig, in allen Phasen des Schreibprozesses dieses Flow-Element zu erleben.

In der Überarbeitungs-Phase holt mich dann diese Flow-Orientierung ein. Das ist ja dann „Arbeit“ 🙂 Für mich ist es zur Zeit ein großes Abenteuer, den Flow im Überarbeiten zu finden – und wieder einmal festzustellen, dass Überarbeiten in eine Art Endspurt-Rausch führen kann… (wenn die Deadline realistisch gesetzt wurde)

Es braucht für jeden Schreib-Typ immer wieder Reflexion – in welcher Schreibphase bin ich gerade? Was kommt als Nächstes? Wo bleibe ich immer wieder stecken im Schreibprozess? Wie kann ich die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen so gestalten, dass ich dabei weniger Angst/ Unlust empfinde? Kann ich jeder Schreibphase etwas abgewinnen? Ohne in den Widerstand zu gehen? Wenn nein, wo kann ich mir Unterstützung holen, damit ich auch die (bis jetzt) weniger beliebten Schreibphasen gut meistere?

Ich freue mich darauf, dich beim Schreiben zu begleiten!

Wenn du den Schreibprozess gerade mit einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit erforscht, komm in die Gruppe frei geschrieben“, Semesterkurs Start: 4.November 2014, geblockter Kurs: 27./28. Februar, 1./3./4./6.7. März 2015

Wenn du das Handwerk des Schreibens lieber anhand der Textsorte Personal Essay lernen möchtest, komm in die Gruppe Writers` Tricks“, 2 Wochenenden 19./20. Dezember 2014 & 9./10.Jänner 2015

Autorin: Johanna Vedral
Bildquelle: Photographer: 44833 (pixabay)

3 Lektionen, die du beim Memoir-Schreiben lernen kannst

SAMSUNG

Vor zwei Jahren habe ich in Ana Znidars genialem Memoir-Workshop mit dem Schreiben eines Memoirs begonnen. Nachdem ich den Rohtext gut acht Monate liegen gelassen habe, hat mich am 1.September die unbändige Lust gepackt, dieses Buch zu überarbeiten und bis zum Start des NaNoWriMo (1.November) abzuschließen. Einen besonderen KIck bekommt dieser Endspurt durch regelmäßige Schreibtreffs, wie z.B. am Schreibmontag.

Um mir den Abschied von meinem Memoir-Schreibprojekt leichter zu machen, teile ich hier im Blog einen Blick zurück: Was hat mich der Prozess des Memoir-Schreibens gelehrt? Wie kann Memoir-Schreiben das Schreiben vertiefen und weiterentwickeln?

1) Story Questions: Auch ein literarisches Projekt wie ein Roman oder ein Memoir  braucht leitende Fragen. Wissenschaftliche Texte oder Sachtexte werden durch Forschungsfragen oder durch die journalistischen W-Fragen strukturiert und bekommen so einen roten Faden.

Ein literarischer Text wird nicht einfach nur im literarischen Schaffensrausch geschrieben, sondern ebenfalls durch Fragen, durch sogenannte Story Questions strukturiert:

Worum geht es in dieser Geschichte? Was steht für die Protagonistin auf dem Spiel? Wie ist sie aus dieser schwierigen Situation herausgekommen? Was hat sie daraus gelernt? Was ist „die Moral von der Geschichte“?

Das musst du nicht schon zu Beginn des Memoir-Schreibens wissen, aber spätestens irgendwann mittendrin, wenn du nach dem Von-der-Seele-Schreiben beginnst, dein Projekt zu reflektieren und mit literarischen Mitteln zu gestalten, damit du zu deinen LeserInnen hinausreichen kannst.

2) Voice: Wer schreibt? Bei einem Memoir ist es besonders wichtig, welche Stimme die LeserInnen durch eine aufwühlende Geschichte führt.

Ein Memoir ist nicht die Geschichte deines Lebens, sondern EINE Geschichte aus deinem Leben, wie z.B. die Geschichte deines Mutterwerdens oder wie du eine Krebserkrankung überwunden hast. Es ist immer auch die Geschichte, wie du diese Erlebnisse bewältigt hast, wie du den Sinn und die Bedeutung deiner Erlebnisse erzählst.

Deshalb gibt es mindestens zwei Stimmen in deinem Memoir – die Stimme von damals, die die LeserInnen direkt hinein zieht in Szenen aus deinem Leben – und eine reflektierende Stimme von heute, die die LeserInnen durch den Text führt. Diese Stimme von heute ist besonders wichtig für die LeserInnen, um sie beim Lesen nicht zu re-traumatisieren, sondern um ihnen das zu vermitteln, was du durch deine Erfahrungen gelernt hast.

3) Lass dir Zeit! Nach einem Jahr, in dem ich immer wieder in mein Memoir eintauchte, auch in schmerzhafte Erinnerungen eintauchte, ließ ich mir zwischen den einzelnen Schreibphasen immer Zeit. Ich wollte gut auf mich aufpassen und mich nicht re-traumatisieren. Die Memoir-Schreibgruppe traf sich etwa einmal im Monat, das war ein guter Abstand für meinen Memoir-Prozess.

Nach der Fertigstellung des Rohtexts durfte das Memoir mehr als ein halbes Jahr „abhängen“, bevor ich damit begann, am Papier-Ausdruck erste Überarbeitungsnotizen hinzukritzeln und schließlich am PC einzuarbeiten. Nach dem Zeit-Lassen tut es mir jetzt sehr gut, in diesen Endspurt-Abschluss-Drive einzutauchen. Denn ich freu mich schon sehr darauf, im November, im NaNoWriMo, ein neues Schreibprojekt anzugehen.

Was hast du beim Memoir-Schreiben gelernt?

Johanna Vedral

Foto: „The Raven“ von Johanna Vedral

Schreiben ist… weiter lernen

Es gibt Texte, für die habe ich durch langjährige Übung schon ganz gute Schreibstrategien im Repertoire und kann sie routiniert und effizient angehen, ohne allzu sehr der Aufschieberitis zu verfallen. Neue Textsorten auszuprobieren, ist für mich immer eine faszinierende Herausforderung. Spannend ist dabei auch, wie bei neuen Textsorten neue Schwierigkeiten wie Hydra-Köpfe nachwachsen. Warum ist das so?

Schreiben ist eine Aufgabe, die umso komplexer wird, je weiter sich die Fähigkeiten der Schreibenden entwickeln, erklären die kanadischen KognitionspsychologInnen Bereiter und Scardamalia. Das heißt, mit wachsender Schreibkompetenz treten Anfangsschreibschwierigkeiten seltener auf, dafür aber neue. Besonders wenn du dich in neuen Kontexten und neuen Textsorten bewegst und für eine andere Leserschaft schreibst. Auch für SchreibexpertInnen ist Schreiben daher immer wieder herausfordernd.

Allerdings sind diese neu auftauchenden Schwierigkeiten meist positive Meilensteine bei der Weiterentwicklung der eigenen Schreibkompetenz, sagt Keith Hjortshoj. Denn bei der Bewältigung dieser Schreibkrisen findest du effizientere Methoden für deinen Schreibprozess und eine “more sophisticated“ Schreibstimme.

Probiere neue Textsorten aus: Mindwriting, Personal Essay, Short Story, Life Writing, Memoir, Travel Writing, Drehbuch, Die Kunst des Überarbeitens und für junge SchreiberInnen die Young Freewriters. Gratis-Infoabend heute, 18:30 im writers`studio, Wien.  

Bereiter, C. & Scardamalia, M. 1987. The psychology of written composition. Hillsdale, NJ: Erlbaum.
Hjortshoj, K. 2001. Understanding Writing Blocks. New York: Oxford University Press.

Autorin: Johanna Vedral