Archiv für den Monat März 2017

Mach dir ein Bild von deinem kreativen Prozess!

Es gibt eine ganz gefinkelte Form der Prokrastination, der ich gerne in der mühsamen Endphase eines Buchprojektes verfalle: ich springe zu einem neuen Buchprojekt, wo ich mit Enthusiasmus neue faszinierende Ideen erforsche und Rohtexte schreibe… und das fast fertige Buch bleibt liegen. Der Funke der Begeisterung springt zum nächsten Buch, und es fällt mir immer schwerer, am alten Buch optimistisch dran zu bleiben und es weiter engagiert zu betreuen: ein aussagekräftiges Expose schreiben, Verlage anschreiben, Literaturagenturen kontaktieren und mich von einer immer länger werdenden Liste von Absagen nicht entmutigen zu lassen…

In dieser Phase sind Schreibfreundinnen Goldes wert, die an mein Buch glauben, Interesse daran bekunden, es zu lesen, Ideen beisteuern, welche hilfreichen Menschen ich noch kontaktieren könnte, damit sich was bewegt, welche Verlage interessant sein könnten… und wieder und wieder mit mir darüber sprechen, wie ich guten Mutes durch diese schwierige Phase kommen kann. Was besonders wichtig ist, wenn die vermeintlich kalmierten Ängste und Zweifel Kirtag feiern wie nie zuvor. Also: ran an die tapfere Reflexion! Überprüfe deine bereits erarbeiteten Angstmanagement-Techniken und Metakognitionen!

Was für ein Bild machst du dir von deinem kreativen Prozess? Könnte es sein, dass dich deine Metaphern für den kreativen Prozess in eine Sackgasse geführt haben, in der du nun eingebremst vor dich hin scharrst?

Für mich war lange Zeit das passendstes Bild für den kreativen Prozess die Beziehungs-Metapher: mein Buch als mein Liebespartner, dem ich libidinös verbunden bin. Wie es scheint, behindert mich aber in Phase 5 des Schreibprozesses die Beziehungs-Metapher. Im Gespräch mit einer Freundin stelle ich fest: Ein Buch ist kein Ehemann, von dem ich mich irgendwann trenne, cut, ihn hinter mir lasse, hoffentlich ohne Rosenkrieg. Auch wenn ein Buch so etwas wie ein Lebensabschnittbegleiter sein kann, sieht die Trennung anders aus. Es kommt eine Metapher für den Schreibprozess ins Spiel, die ich verworfen hatte: die Metapher von Zeugung, Schwangerschaft, Geburt… und dann ist das Baby da und ich liefere dieses schutzlose Wesen der Öffentlichkeit aus? Nein!

Aber wie wäre es, wenn ich mein Buch-Baby wie ein Kind sehe, das erwachsen wird? Und den Verlag als eine Wohnung, in der es sich wohlfühlt, sich weiter entwickeln darf? Keine Trennung, kein Abschied, kein Losschneiden. Ich werde weiterhin in Kontakt stehen mit meinem erwachsen gewordenem Buch, auch wenn es nicht mehr bei mir wohnt. Release heißt nicht, alles über Bord zu werfen, als wäre es unnötiger Ballast, sondern nur, dass es Zeit ist, loszulassen, Zeit, die nächste Etappe der Reise anzutreten.

Nach Phase 5 des Schreibprozesses ist das Ende der Reise mit deinem Buch noch lange nicht erreicht, wenn du einen Verlag gefunden hast. Denn nun gilt es, gute Vertragsbedingungen auszuhandeln, das Manuskript den Wünschen des Verlags entsprechend zu überarbeiten und dich weiterhin um Werbung für dein Buch zu bemühen, z.B. eine Website und Flyer für dein Buch erstellen… Hol dir so viel Unterstützung & Ermutigung, wie du brauchst!

Autorin: Johanna Vedral
Collagen: Johanna Vedral

Mach dir ein Bild von deinem kreativen Prozess: Collage Dream Writing, 14.-16.April 2017 in Wien/ rasch anmelden: ein Seminarplatz ist noch frei!

Ein Schreibprojekt abschließen

20161016_105806

Release!

Endlich: Abschließen!

Schreiben ist ein mehrphasiger Prozess. Publikationsfertige Texte fließen meist nicht sofort fertig aufs Papier. Vielmehr entstehen zuerst aus ersten Ideen und Strukturierung Rohtexte, die mehrfach überarbeitet werden: inhaltlich, strukturell und zu guter letzt sprachlich. Und dann, nach dem Überarbeiten, das meist länger dauert als geplant, endlich: Phase 5: Abschließen! Dein Werk ist fertig!

In der letzten Phase des Schreibprozesses kümmerst du dich darum, den Text zur Publikation frei zu geben: Layout, Rechtschreibprüfung, Grafiken einfügen, Abbildungsverzeichnis erstellen, Bibliographie komplettieren… Dann gibst du deinen Text ab. Handelt es sich um eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, wird sie nun beurteilt bzw. honoriert. Dann steht sie in der Öffentlichkeit, meist in einem Regal in der Universitätsbibliothek bzw. als pdf-Datei im Internet. Du feierst deinen Erfolg und machst dich ans nächste Projekt.

Warum auch die 5. Phase oft länger dauert als geplant

So weit so gut. Klingt einfach und logisch. Aus Coachinggesprächen wie auch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in Phase 5 geradezu absurd anmutende Blockaden entstehen können. Ungeahnte neue Hindernisse tauchen auf: Da crasht die Festplatte des Computers und die letzte Sicherheitskopie ist schon zwei Monate her. Genau an dem Tag, der für den letzten Schliff des Dokuments eingeplant war, musst du dich um einen Wasserrohrbruch in deiner Wohnung kümmern. Du zweifelst daran, ob du diese schwachsinnige Masterthese wirklich so abgeben kannst. Dein bisher einigermaßen im Schach gehaltener Perfektionismus hat dich fest im Würgegriff. Oder es ergreift dich einfach nur eine unerklärliche Unlust und Antriebslosigkeit und du hast keine Kraft, dich für ein paar Stunden ans Layoutieren zu machen…

Wie bei den meisten Schreibblockaden und Stockungen im Schreibprozess steckt hinter diesen Widerständen Angst. Eine ganze Heerschar von Ängsten vielmehr. Immerhin geht es hier nicht nur darum, dich der Kritik deines Betreuers auszusetzen, so furchteinflößend das auch sein mag. Es geht auch nicht nur darum, dass du nun von der Phase des Studierens Abschied nehmen und dich wieder einmal in neue unbekannte Gefilde wagen musst. Die Geburt deiner Abschlussarbeit hängt nämlich immer auch mit dem Tod deiner bisherigen Identität als StudentIn zusammen. Du musst dich daher wieder einmal mit deiner Art, Abschied zu nehmen, mit der Endlichkeit, dem Tod auseinandersetzen. Das kann ganz schön tief gehen und dementsprechend Zeit brauchen. Eine Coachingstunde kann hier hilfreich sein, dein Angstmanagement genauer anzuschauen, vielleicht neue Strategien auszuprobieren, um mit der unvermeidlichen Angst umzugehen und so scheinbar gordische Knoten aufzulösen.

Ist dein Buch jetzt fertig?

Ist dein Schreibprojekt kein Auftragswerk, sondern ein Buch, für das du nicht schon in der Anfangsphase des Schreibens einen Verlag gefunden hast, stehst du nun vor einer Fülle neuer Aufgaben: Du musst entscheiden, ob du dein fertiges Buch selbst verlegen oder es einem Verlag anbieten möchtest. Verlegst du es selbst, hast du die Qual der Wahl, die Self Publishing Plattform zu finden, die für dich passt, dein Buch in das passende Dateiformat zu bringen, dich um die Covergestaltung und das Marketing zu bemühen… Hier kann dir die Self Publisher Bibel von Matthias Matting weiterhelfen.

Wahrscheinlich hast du aber, wie die meisten Schreibenden den Traum, dein Buch bei einem Verlag unterzubringen. Du möchtest dein Buch im Buchhandel sehen und von vielen Menschen gelesen werden.Der Weg dorthin führt heute meist über eine Literaturagentur, weiß der Thrillerautor Marcus Johanus: „Verlage nehmen in der Regel keine unverlangten Manuskripte an – sie verlassen sich meistens auf jene, die ihnen Literaturagenturen vermitteln.“

Du bist also noch lange nicht fertig mit deinem Buch, wenn du es in Phase 5 fertig gestellt hast. Du brauchst einen wesentlich längeren Atem, als du dir vorgestellt hast. Und du brauchst weiterhin viel Mut, um am Prozess dran zu bleiben, damit dein Text veröffentlicht werden kann.

Dein Buch ist fertig. Gratuliere! Jetzt geht es darum, dein Buch-Baby auf den nächsten Schritten zum Erwachsenwerden zu begleiten. Du schickst es in die Welt hinaus! Ist dein Buch jetzt fertig?

Johanna Vedral

„dass man vor Glück nicht ohnmächtig wurde“

21w9wtgzscl-_bo1204203200_

Astrid Lindgrens Kindheitserinnerungen „Das entschwundene Land“ ist das einzige Buch der Autorin (1907 – 2002), das sie für Erwachsene geschrieben hat. Es ist mit derselben unverwechselbaren Schreibstimme verfasst, die mich als Kind begleitete und später als Mutter beim Vorlesen der Abenteuer von Pippi, Michel, den Brüdern Löwenherz oder den Kindern von Bullerbü von Neuem verzauberte.

Astrid Lindgren zog mich mit diesem kleinen Büchlein wieder hinein in das längst verschwundene bäuerliche Smaland. Sie erzählt darin auf liebevolle Weise die Liebesgeschichte ihrer Eltern und beschwört Ereignisse aus ihrer glücklichen Kindheit mit dem magischen Satz:

„Was ich nie vergessen werde…“

Eines der Erlebnisse, das sie nie vergessen hat, war, auf welchen Wegen sie als Kind am liebsten „Ein reines Herz“ betete:

„Ein reines Herz“ geht doch hinterm Kuhstall lang, sagte ihr Bruder, dabei wusste Astrid Lindgren ganz genau, dass „Ein reines Herz“ zwischen den Bäumen am Bach entlang, bis zur Quelle… ging, denn „Einen lieblicheren Wanderweg kann kein Gebet je gehabt haben.“ Aber: „All das ist nicht mehr (…). Meine Kindheit verlebte ich in einem Land, das es nicht mehr gibt.“

Was mich auch sehr berührt hat, wie Lindgren beschreibt, wie sich ihr Leben verwandelte, als sie lesen lernte und von da an auf die Jagd nach Lesestoff ging, um ihren Lesehunger zu stillen. Und wie schön – vom Glück, „ein Buch ganz für sich allein zu besitzen – dass man vor Glück nicht ohnmächtig wurde!“

Sie erzählt, wie Pippi Langstrumpf, Karlson vom Dach und andere ihrer unsterblichen Gestalten entstanden… als sie mit 37 Jahren mit einem verstauchten Fuß im Bett lag und somit zu schreiben begann, denn Schriftstellerin hatte sie nie werden wollen!

Diesem Buch entnehme ich auch eine wunderbare Schreibübung, denn ich konnte beim Lesen nicht anders als diese Anregung aufzugreifen und drauflos zu schreiben:

„Was ich nie vergessen werde…“

Autorin: Johanna Vedral