Archiv für den Monat Januar 2017

Rendezvous mit meinem Buch

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Vorfreude macht sich breit, die Vorfreude auf zwei Schreibvormittage. Ich bereite die innere Bühne für den kreativen Prozess vor. Dazu hole ich mein aktuelles Schreibprojekt aus der Schublade und knüpfe an der Arbeit des letzten Schreibwochenendes an: Ich suche Materialien heraus, die ich zu den Schreibtreffs mitnehmen möchte, Notizbücher, ausgedruckte Rohtexte, den Mini-Laptop mit den Emailnotizen, die ich mir selbst geschrieben habe, Cluster, Fotos, Collagen… Beim Kramen und Sichten fließen ein paar Notizen dazu.

So findet wieder eine libidinöse Annäherung an das Buch statt. Es ist wie vor einem Rendezvous. Ich spüre ein freudiges Kribbeln im Bauch, ich höre Musik und tauche ein in die Faszination, die mich dazu bewogen hat, mit diesem Buch anzufangen. „Evoking the muse“ nennt Steven Pressfield das, d.h. die Muse anrufen und sie becircen, uns doch bitteschön Gesellschaft zu leisten.

Nach jahrelangem Experimentieren mit Schreibroutinen und vielen Gesprächen mit anderen Schreibenden habe ich herausgefunden, dass es für mich beim Schreiben eines Buches am besten passt, fixe Schreibzeiten  in Form von Schreibtreffs zu vereinbaren.

Natürlich sage ich nicht Nein, wenn die Muse mich überfallsartig küssen möchte, sei es zuhause, mit dem Zug unterwegs, auf meiner Lieblingsparkbank oder an einem interessanten neuen Ort. Aber es braucht regelmäßige verbindliche Dates mit meinem Buchprojekt, damit es blühen und gedeihen kann.

Seit Herbst 2015 habe ich zwei fixe Schreibtreffs pro Woche an inspirierenden Orten. Jeden Donnerstag und jeden Freitag sind die Vormittage fürs Schreiben mit SchreibfreundInnen reserviert. Der Rest meiner Zeitplanung verteilt sich harmonisch um diese fixen Termine herum. Zwei bis fünf Personen sind wir, oft zu zweit, manchmal auch allein. Zusätzlich treffen wir uns einmal monatlich für einen ganzen Schreibtag oder zu einem anderen Special Writing Date.

Durch die fixen Verabredungen mit SchreibfreundInnen machen wir es den inneren Schweinehunden schwerer, uns vom Schreiben wegzulocken. Wir haben uns verabredet! Das motiviert, dran zu bleiben. Denn wir haben uns dafür entschieden, vom Schreiben nicht nur zu reden oder zu träumen, sondern es auch zu tun. Das erfordert neben der Lust am Schreiben Commitment, Regelmäßigkeit und Disziplin:

We show up every day. When we sit down each day and do our work , power concentrates around us. The Muse takes note of our dedication. She approves.“ (Steven Pressfield)

Autorin: Johanna Vedral
Foto: by Johanna Vedral/ eine Brücke über die Seine

Erinnerungen in Geschichten bannen

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Ich liebe Geschichten über SchriftstellerInnen. Margaret Atwood, Jahrgang 1939, weiß einige Geschichten über alt gewordene schrullige SchriftstellerInnen zu erzählen. Die erste Erzählung  in „Die steinerne Matratze“ ist so eine Geschichte und hat mich von der ersten Zeile an in ihren Bann gezogen:

„Der Eisregen rieselt herab, händweise leuchtender Reis, den irgendein unsichtbar Feiernder wirft.“ Wow!

Es geht um eine betagte Schriftstellerin, die zwischen ihren Einkaufsexpeditionen durch die vereisten Straßen  mit ihrem bereits verstorbenen Ehemann spricht und in ihren Erinnerungen spazierengeht oder in die von ihr geschaffene Fantasy-Welt Alphinland verschwindet. In Alphinland hat sie auch einen Liebhaber aus jungen Jahren und die Frau, die ihn ihr ausgespannt hat, in Geschichten gebannt. In ihrer erfolgreichen Fantasy-Serie formt sie ihre Erinnerungen zu Geschichten um:

„Das Gute an Alphinland ist, dass sie alles Verstörende aus ihrer Vergangenheit durch das steinerne Tor (auf ihrem Bildschirmschoner) bewegen und im Gedächtnispalast speichern kann (…) und wenn man den Wunsch nach Erinnerung hat, betritt man den jeweils entsprechenden Raum.“

Eine freudige Überraschung in Margaret Atwoods Erzählungsband ist, dass in der zweiten und dritten Geschichte der Liebhaber aus jungen Jahren aus „Alphinland“, nun selbst ein grantiger tattriger Alter oder auch andere Charaktere auftauchen! Köstlich!!!

Meine Top Favourite Story ist aber „Die tote Hand liebt dich“, ebenfalls eine Schriftsteller-Geschichte, in diesem Fall ist es ein in die Jahre gekommener Horrorromanschreiber, dessen erster Roman sein Leben geprägt hat.  „Fackelt die Alten ab“, die letzte Erzählung, ist der Höhepunkt dieses umwerfend komischen, bissigen Buches, Lesevergnügen pur, in dem Erinnertes, Erfundenes und Fabuliertes  von einer erfahrenen Meisterin ihres Faches meisterlich miteinander verwoben werden.

Und es bereitet nicht nur Freude beim Lesen, sondern macht Lust, sich selbst schreibend im Spannungsfeld zwischen Dichtung und Wahrheit zu bewegen und aus Erinnerungen und realen Begegnungen mit Menschen skurrile, bösartige und komische Geschichten zu schaffen! Zum Beispiel mit dem Rezept des Schauspielers Matthias Brandt, der seine autobiographischen Geschichten über seine Kindheit in den 1970er Jahren wie folgt einleitet:

„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt.“

Autorin: Johanna Vedral

Lesetipps:
Atwood, Margaret (2016): Die steinerne Matratze. 9 Erzählungen. Berlin Verlag
Brandt, Matthias (2016). Raumpatrouille. Geschichten. Kiepenheuer & Witsch

Das Schreibglück in Hamburg

Für einen Künstlertreff mit dir selbst oder einen Schreibtreff genauso gut geeignet wie für einen gemütlichen Plausch bei einem vegetarischen Menü – das Cafe Koppel im Hamburger Haus für Kunst & Handwerk (Koppel 66). Hier gibt es Galerien aber auch Handwerksbetriebe wie die Schreibgeräte-Manufaktur von Stefan Fink…

Wenn es dich nach Hamburg verschlagen sollte, plane unbedingt auch einen Schreibausflug zur Elbphilharmonie. Hier kannst du auf der öffentlich zugänglichen Plaza des Konzerthauses in 37 Metern Höhe den Panoramablick auf die Stadt genießen und dich vom hippen Hafen-Ambiente inspirieren lassen.

Autorin: Johanna Vedral
Fotos: by Johanna Vedral

Sexual Memoir: über die eigene Sexualität schreiben

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Memoir ist die Kunst, gut lesbar und inspirierend über das eigene Leben zu schreiben.Ein Memoir ist aber keine Autobiographie. Im Memoir werden ausgewählte Erfahrungen und Erkenntnisse  literarisch spannend aufbereitet.
So vielfältig wie das Leben selbst sind auch die Memoir-Subgenres: Reise, Trauerbewältigung, Coming of age/ Growing up dysfunctional, die Geschichte der eigenen Eltern/ Großeltern, Sucht & recovery, survival und auch sexual/erotic u.v.m…Mehr über das Genre Memoir findest du auch in Birgit Schreibers im März 2017 erscheinenden Buch „Schreiben zur Selbsthilfe„.

Sexual Memoir oder Porno?

In letzter Zeit habe ich mich mit Vergnügen in das Subgenre „Sexual Memoir“ eingelesen, das vor allem von Frauen bespielt wird. In Sexual Memoirs werden sexuelle Erfahrungen beschrieben, da geht es um um Körperlichkeit, Beziehungen, Scham, Sprachlosigkeit und Grenzüberschreitungen.Sexual Memoirs sind keine pornographischen Schriften und auch keine Aneinanderreihung sexueller Handlungen. Die Szenen können natürlich oft sehr explizit („graphic“) werden, es geht aber nicht darum, die LeserInnen zu erregen. In Sexual Memoirs wird immer auch die sexuelle Entwicklung Thema und die AutorInnen reflektieren so über ihre Sexualität, dass die LeserInnen inspiriert werden, über sich selbst nachzudenken. Warum mehr Frauen als Männer Sexual Memoirs verfassen, darüber spekuliert die Memoir-Autorin Monique Roffey.

Best Sexual Memoirs: eine Liste

Falls du vorhast, Sexual Memoirs zu lesen oder selbst eines zu schreiben, hier eine kleine (natürlich nicht vollständige) Liste mit Büchern zum Einlesen in das Genre, die dir sicher Lust machen, hier auf weitere Entdeckungsreisen zu gehen 🙂 Ich freue mich auch über Empfehlungen!

1) Daniell, Rosemary: Sleeping with soldiers. In search of the macho man. 1984

Die heute ca. 80jährige Feministin, Poetin, Schreibtrainerin und Memoir-Autorin Rosemary Daniell schreibt über ihre sexuell höchst abenteuerliche Phase, „a memoir of her exploration of the wildness within herself“ im teilweise sehr bizarr anmutenden wilden Süden Anfang der 80er über ihre „adventorous, promiscous, wild years in search of the macho man“ in ihren Vierzigern. Sie hat die Scham hinter sich gelassen und steht selbstbewusst dazu, eine Abenteurerin zu sein. Ihre Kinder sind schon erwachsen, und nach Jahren in monogamen Ehen will sie es wissen. Sie geht in Bars, um Männer aufzugabeln. Sie erlebt eine „delayed adolescence“ mit vielen jüngeren Männern. „The word promiscuity didn`t adequately cover what, for me, had been an incredible learning experience“, schreibt Rosemary Daniell.

2) Juska, Jane: A Round-Heeled Woman: My Late-Life Adventures in Sex and Romance. 2004/ auf Deutsch: Bevor ich 67 werde.

Das beeindruckende und literarisch gekonnt gestaltete Memoir einer jetzt 80jährigen Englischprofessorin, die Mitte 60 auf den Putz haut und eine Kontakt-Anzeige aufgibt, um endlich sexuelle Erfahrungen zu sammeln. „I am an easy lay“, schreibt sie stolz. Ihr Memoir hat mir sehr gut gefallen. Es hat Tiefe, Humor, zeugt von Erfahrung und sie kann fesselnd schreiben. Interessant aufgebaut – immer ein Kapitel über ein Date mit teilweise seltsamen älteren Männern und ein Kapitel, in dem sie chronologisch aus ihrem früheren Leben erzählt…

3) Handler, Chelsea: Mein Leben im Liegen. 2006

Eine Comedian mit jüdisch-mormonischem Hintergrund, die ziemlich bissig und teilweise böse-verächtlich über absurde oder peinliche sexuelle Begegnungen schreibt. Interssant: jedes Kapitel für einen Mann. Was mir nicht so gefallen hat: ich finde wenig roten Faden in diesem Aufmarsch an Männern, es liest sich wie ein Bestiarium. Kurzweilig.

4) Millet, Catherine: La vie sexuelle de Catherine M./ The Sexual Life of Catherine M. 2001/ auf Deutsch: Das sexuelle Leben der Catherine M.

Die Chefredakteurin der artpress beschreibt ihr promiskuitives sexuelles Leben mit hunderten Partnern, insbesondere ihr Verhältnis zu Gruppensex.  Ein Einblick in die französische Swingerszene, über deren „klinisch-distanzierten“ Stil sich die KritikerInnen ereiferten.

5) Lee, Abby: Girl with a one-track mind. Confessions of the seductress next door. 2006

6) Lee, Abby: Girl with a one-track mind. Exposed. 2010

Verfasst von der von Millionen gelesenen Sexbloggerin Zoe Margolies geben die Bücher intime und keine Frage offen lassende Einblicke in das Sexualleben einer Frau Anfang 30, die über einen starken Trieb verfügt. Sie hat just for fun Sex mit vielen Männern und beschreibt das teilweise ermüdend detailgetreu. Sie trennt klar Lust am Sex und Suche nach einer Beziehung und gibt auch Tipps und beschreibt do`s and don`ts für Sex ohne emotionales attachment. Erfrischend: wie sie ihr Masturbationsverhalten beschreibt. Spannend: Band 2, in dem sie beschreibt, was in ihrem Leben und in ihrem Sexleben passiert, als nach Erscheinen des ersten Buches ihr Pseudonym gelüftet wird… und nun jeder, auch ihre Eltern, alle intimen Details ihres Sexuallebens kennt.

7) Moran, Caitlin: How to be a woman. 2012/ Auch auf Deutsch (selber Titel).

Das Buch der Comedian wird als feministisches Manifest gepriesen, ihre Story Question ist: Wie werde ich eine richtige Frau? und sie handelt es zum Brüllen komisch an Körperlichkeiten und ihrer persönlichen körperlichen Geschichte ab. Themen wie Porno, Behaarung, Abtreibung, Kinderkriegen, Brüste…

8) Moran, Rachel. Paid for. 2015 Auf Deutsch: Was vom Menschen übrig bleibt: Die Wahrheit über Prostitution

Geschichten von Frauen, die sich prostituieren, sind vielgelesen. Oft sind es eher pornographische Geschichten, die als Lebensbericht verkauft werden. Dieses Memoir ist anders: es erzählt von Morans Kindheit und Jugend in einer dysfunktionalen Familie, von Obdachlosigkeit und dem vermeintlichen rettenden Strohhalm, den die Prostitution für sie als 15jährige darstellte. Die LeserInnen finden hier keine pornographischen Schilderungen von Sexszenen wie in manch anderem Erotic Memoir, sondern schonungslos ehrliche Reflexionen über eine Zeit, die für die Autorin nur schwer auszuhalten war.

Viel Spaß beim Lesen!

Autorin: Johanna Vedral
Collage: by Johanna Vedral

The War of Art

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Eine Kollegin, mit der ich gemeinsam ein Seminar über Schreibblockaden für angehende SchreibtrainerInnen vorbereite, hat mir ein zerfleddertes und sichtlich intensiv gelesenes Buch geborgt: „The War of Art. Break Through the Blocks and Win Your Inner Creative Battles.“ von Steven Pressfield.

Ich bin zuerst etwas skeptisch, der Titel klingt so martialisch. Aber ich habe es für den heutigen Schreibtreff eingepackt, wer weiß, vielleicht brauche ich heute etwas von dieser kämpferischen Energie. Eine fiese innere Stimme will mir nach der Euphorie des Rohtextschreibens im November mein aktuelles Buchprojekt madig machen, und auf einmal bin ich so müde, als ich mich zum Schreibtisch setze. Ich nehme daher „The War of Art“ zur Hand, nachdem ich schon gut 90 Minuten meiner heutigen Schreibzeit mit ach so wichtigen Emails und Facebook vertrödelt habe.

Interessant: Pressfield ist der Autor von Büchern wie „Tides of War“, „The Virtues of War“ und „Killing Rommel“, seine Titelwahl für den Schreibratgeber ist also stimmig, auch wenn mich diese kämpferische Attitüde auf den ersten Blick abschreckt. Könnte es nicht mehr ein Tanz mit dem inneren Schweinehund sein als ein Kampf?

„There is a secret that real writers know that wannabe writers don`t, and the secret is: It`s not the writing part that`s hard. What`s hard is sitting down to write. What keeps us from sitting down is Resistance.“

Ja, kann ich unterschreiben. Auch wenn ich mittlerweile keine Ausreden mehr gelten lasse, wenn es darum geht, meinen Hintern zum Schreibtreff zu bewegen, da ist diese innere Stimme, die wirklich nie den Mund hält, die mir erklären will, dass ich ja nicht in die Straßenbahn steigen müsste, ich könnte ja genausogut zuhause arbeiten, und da heute vielleicht eh niemand kommt außer mir…

Nun, dieser fiese Flüsterer hat mich nicht davon abhalten können, zum Schreibtreff zu erscheinen. Auch wenn ich diesmal wirklich alleine da sitze. Keep on going!, sag ich mir. Ich bin ja ein Profi. Deshalb erkenne ich diese Müdigkeit und Unlust, mich der Arbeit an meinem Buch zu widmen, als Angst, den treuen Begleiter jedes Schreibenden.

Pressfield weiß, dass ein Profi sich bewusst ist, dass die Angst zum kreativen Prozess dazugehört: „A professional acts in the face of fear.“  Als größte Angst von allen, „The Master Fear“, nennt er die Angst vor dem Erfolg. Ach!

Lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen von einer Kompanie von Ängsten. Keep on going! Denn, wie Pressfield so schön schreibt:

„Creative work is a gift to the world and every being in it. Don´t cheat us of your contribution. Give us what you`ve got.“

Pressfield, S. (2002). The War of Art. Break Through the Blocks and Win Your Inner Creative Battles. New York, Boston: Grand Central Publishing.

Autorin: Johanna Vedral
Bild: ein malerischer Weg im Südwesten Kretas, by Johanna Vedral

In diesem neuen Schreibjahr…

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Mit diesem Schreibimpuls startete ich heute um 9:00 beim One Day Writers` Retreat ins neue Arbeitsjahr.Nun steht da rosa auf rohweiß, welche Schreibprojekte 2017 abgeschlossen, fortgeführt oder neu begonnen werden wollen. Ich hab einiges vor! 🙂

Satzanfänge wie „In diesem neuen Schreibjahr…“ oder „Heute möchte ich…“ für ein Freewriting von 10, 15 oder 20 Minuten sind ein guter Einstieg ins Schreiben und zaubern Ideen, Pläne und oft ungeahnte Wünsche aufs Papier.

Du weißt nicht, wie anfangen? Die Ideen sprudeln nur so durch deinen Kopf wie aufgescheuchte Hühner? Oder ist da vielleicht keine einzige Idee, beunruhigende Funkstille? Oder Zweifel und Unlust?

Keep on going! Stell deinen Wecker für ein 10minütiges Freewriting und leg los. Vielleicht magst du ja damit beginnen: „Ich möchte auf keinen Fall darüber schreiben…“ Lass dich von dir selbst überraschen!

Autorin: Johanna Vedral
Foto: eine Librairie-Auslage in Paris, Johanna Vedral