Das Tagebuch als Speicher für Erinnerungen… und mehr

Das Tagebuch ist ein vielseitiges und höchst individuelles Werkzeug für aktive Lebensgestaltung. Es ist gleichzeitig ein Raum, in dem diese Selbst-Reflexion und Selbst-Re-Organisation stattfinden kann.

Ein Tagebuch taugt zum Aufbewahren von Erinnerungen, zur Besinnung, zur Spiegelung, zur Reflexion, zur Entlastung, zur Organisation, um zu sich zu kommen, zum Pläneschmieden und Träumen, um die Persönlichkeit zu stärken, um sich selbst in eine bessere Stimmung hinein zu schreiben, um die Schreib-Stimme zu entwickeln, als Klagemauer, als Kammer der nie abgeschickten Briefe, zur Selbsthilfe, als geheimer Ort, als Safe Place, als alchemistisches Labor, als Dunkelkammer, um das Schreiben zu üben, Ideen zu sammeln und vieles mehr.

Über das Tagebuch als Erinnerungsspeicher beziehungsweise über die Untauglichkeit eines Tagebuches, ALLE Erinnerungen eines Lebens aufzubewahren, schreibt Sarah Manguso: „I didn`t want to lose anything“ ist ihr Ausgangspunkt beim Tagebuchschreiben von Zigtausenden Seiten, sie versucht das grenzenlose Unterfangen, ihr ganzes Leben chronologisch aufzuzeichnen, bis sie erkennen muss: „I knew I couldn`t replicate my whole life in language.“

Thaisa Frank und Dorothy Wall ermutigen dazu, die vertrauten Pfade des chronologischen Nacherzählens des eigenen Lebens im Tagebuch zu verlassen und sich auf ein abenteuerlicheres Tagebuchschreiben einzulassen: „Let journalling be dangerous!“

Und dann steht da auf einmal…

„…wie steif sich mein Körper heute beim Yoga anfühlte, wie ungemütlich kühle Luft vom Fenster auf meine Zehen einströmte, ich hörte tibetische Mönche OM singen, beim Aufräumen fand ich drei Mandeln unter dem Küchentisch, die legte ich aufs Küchenfensterbrett, vielleicht holen sich das die Krähen. Es regnet. Ich gehe die Schönburgstraße runter zum Bäcker, der Wind wirbelt braune Blätter auf…“

Zum Weiterlesen:

Manguso, S. (2015): Ongoingness. The End of a Diary. Minneapolis: Graywolf Press.
Frank, T. & Wall, D. (1996). Finding Your Writer’s Voice: A Guide to Creative Fiction. New York: St. Martin`s Griffin.

 

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3 Gedanken zu „Das Tagebuch als Speicher für Erinnerungen… und mehr

  1. Sonja Knoll

    Danke wieder einmal, liebe Johanna!
    Mein Tagebuch liegt seit Wochen unbeschrieben herum, nur weil ich nicht dazukomme, meine zwanghafte Chronologie durchzuhalten – und natürlich wirds von Tag zu Tag mehr, was ich nachzutragen hätte… Gleich nach diesem Kommentar ignoriere ich fröhlich die Chronologiestimme in mir und lass die Endlichwiederschreibenstimme frei 🙂
    Ich freu mich immer, wenn ich deine Blogbeiträge bekomme – danke für deine Inspirationen! LG Sonja

    Antwort
  2. Pingback: Ongoingness… manchmal frenetisch | Schreibstudio

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