Archiv für den Monat Dezember 2015

Der stille Schreibraum

Heute will ich an keinem meiner Schreib-Projekte arbeiten. Ich will auch nicht aufschreiben, dass ich schon mit einem Fuß in den Weihnachtsferien und mitten in einem Umzug bin. Ich „ignoriere fröhlich die Chronologiestimme in mir und lass die Endlichwiederschreibenstimme frei“ (danke, Sonja Knoll).

Ich beschließe, dass ich heute nur für mich schreiben will, nichts Verwertbares. Einfach nur Tagebuchschreiben. Ich mache mein Tagebuch auf, ohne es als Füllhorn, Schatzkiste, sprudelnde Ideenquelle oder Ur-Buch zu sehen… Es ist einfach nur mein stiller Raum, mein „Leo“. Worin ich einfach so verschwinden kann, indem ich schreibe um des Schreibens willen, mich einlasse auf meine Gedanken, eintauche in den immerwährenden Schreibstrom im Freewriting. Alles, was ich dazu brauche – meine Füllfeder und die Stoppuhr… und die Gelassenheit, dass die richtige Tiefungsebene sich einpendeln wird. Falls ich mich plötzlich doch wieder in einer Seminarreflexion oder im Ideensammeln für einen Essay finde, darf das auch sein. Es ist ja Freewriting, alles ist möglich, banales Blabla oder weltbewegende Erkenntnisse oder eine innere Stimme, die ich noch nicht so gut kenne, ob ich einen roten Faden finde oder nicht.

Also dann, ciao, auf Wiederschreiben, meine Sanduhr schaut mich gar so verführerisch an, ich bin dann mal im Tagebuch 🙂

Und übrigens wünsche ich euch schreib-freudige Weihnachtsfeiertage, falls wir uns vorher nicht noch mal schreib-treffen:

Weihnachtliche Schreibtreffs im writers`studio – schau vorbei!

  1. Noch einmal stärkendes Textfeedback vor Weihnachten? Mo 21.Dezember 2015, 18-21:00, Schreibfabrik mit Friendly Feedback, mit Johanna Vedral & Michaela Muschitz.
  2. Was ganz Besonderes für diejenigen von euch, „die sich am Weihnachtstag körperlich und seelisch auf die nachmittäglichen Anstrengungen des Musizierens und Steif-Da-Stehens in schöner Kleidung vorbereiten möchten“ (danke, Jutta Barsa!): Do 24.Dezember 2015, 9 – 12:00 Schreibcafe mit bewegter Meditation, mit Judith Wolfsberger
  3. Und in aller Frische am Neujahrstag: Fr. 1.Jänner 2016, 20 – 23:00 Schreibnacht mit Michaela Muschitz: Woll-Lust und Schreibrausch: Wie Stricken & Häkeln das Schreiben inspirieren können.

 

Das Tagebuch als Speicher für Erinnerungen… und mehr

Das Tagebuch ist ein vielseitiges und höchst individuelles Werkzeug für aktive Lebensgestaltung. Es ist gleichzeitig ein Raum, in dem diese Selbst-Reflexion und Selbst-Re-Organisation stattfinden kann.

Ein Tagebuch taugt zum Aufbewahren von Erinnerungen, zur Besinnung, zur Spiegelung, zur Reflexion, zur Entlastung, zur Organisation, um zu sich zu kommen, zum Pläneschmieden und Träumen, um die Persönlichkeit zu stärken, um sich selbst in eine bessere Stimmung hinein zu schreiben, um die Schreib-Stimme zu entwickeln, als Klagemauer, als Kammer der nie abgeschickten Briefe, zur Selbsthilfe, als geheimer Ort, als Safe Place, als alchemistisches Labor, als Dunkelkammer, um das Schreiben zu üben, Ideen zu sammeln und vieles mehr.

Über das Tagebuch als Erinnerungsspeicher beziehungsweise über die Untauglichkeit eines Tagebuches, ALLE Erinnerungen eines Lebens aufzubewahren, schreibt Sarah Manguso: „I didn`t want to lose anything“ ist ihr Ausgangspunkt beim Tagebuchschreiben von Zigtausenden Seiten, sie versucht das grenzenlose Unterfangen, ihr ganzes Leben chronologisch aufzuzeichnen, bis sie erkennen muss: „I knew I couldn`t replicate my whole life in language.“

Thaisa Frank und Dorothy Wall ermutigen dazu, die vertrauten Pfade des chronologischen Nacherzählens des eigenen Lebens im Tagebuch zu verlassen und sich auf ein abenteuerlicheres Tagebuchschreiben einzulassen: „Let journalling be dangerous!“

Und dann steht da auf einmal…

„…wie steif sich mein Körper heute beim Yoga anfühlte, wie ungemütlich kühle Luft vom Fenster auf meine Zehen einströmte, ich hörte tibetische Mönche OM singen, beim Aufräumen fand ich drei Mandeln unter dem Küchentisch, die legte ich aufs Küchenfensterbrett, vielleicht holen sich das die Krähen. Es regnet. Ich gehe die Schönburgstraße runter zum Bäcker, der Wind wirbelt braune Blätter auf…“

Zum Weiterlesen:

Manguso, S. (2015): Ongoingness. The End of a Diary. Minneapolis: Graywolf Press.
Frank, T. & Wall, D. (1996). Finding Your Writer’s Voice: A Guide to Creative Fiction. New York: St. Martin`s Griffin.

 

Mein geheimes Schreibleben

Ich bin eine Vielschreiberin. Eine Zeitlang habe ich täglich gebloggt, parallel auf diesem Blog und unter Pseudonym auf anderen Plattformen. Immer wieder gibt es aber Zeiten, in denen mir das private Schreiben wichtiger ist. Mein privates Schreibleben ist wie der größte Teil eines Eisberges unter Wasser. Die veröffentlichten Texte – wie dieser Blogbeitrag ­ machen nur einen Bruchteil meines Schreibens aus.

Das geheime Schreiben im Tagebuch ist meine Kraftquelle und das für mich bedeutsamere Schreiben. Wichtiger als ein neuer Titel in meiner Publikationsliste. Im Tagebuch ist der unendlich weite Möglichkeits­Raum, in dem ich nur für mich schreibe. Hier schreibe ich einfach. Punkt. Ich stelle keine Texte her, die für LeserInnen aufbereitet sind. Ich schreibe einfach nur für mich, ohne Verwertungsgedanken. Mein Schreiben darf fließen, ohne Richtung, ohne eine Form annehmen zu müssen. Nichts muss sein, alles darf sein. Ich erlebe: Ich schreibe, also bin ich.

Und dann taucht aus diesem formlosen „stream of consciousness“ ein Blogbeitrag auf, ein Anfangssatz für einen Essay, Ideen für ein Seminar, ein „beat“ einer Szene für eine Short Story, ein Gedicht, ein Brief…

Verzeiht mir, wenn ich mir hier schon wieder verabschieden muss, ich schreib jetzt lieber mit der Füllfeder weiter…

Gibt es DAS ideale Papierformat für VielschreiberInnen?

Beim Schreiben ist es für mich nicht egal, ob ich auf eine A7-Karteikarte kritzle oder mit dickem Filzstift auf A3 schreibe. Unterschiedliche Papierformate ermöglichen eine große Bandbreite an kreativen Spielwiesen und lenken den Schaffensprozess in vielfältige unterschiedliche Ausdrucksformen. Die Entscheidung zwischen Hochformat und Querformat gibt ebenfalls eine Richtung vor – Hochformat verleitet eher zu linearem Denken und Schreiben, z.B. Listen, Querformat hingegen verführt mehr zum bildhaften Denken, zu Clustering, Mindmapping, Denkpfaden…

A6 und A7 sind meine liebsten Formate für schnelle Notizen, passen in jede Jackentasche und in jedes Eck der Wohnung. Post-its haben den Vorteil, dass sie ins passende Heft geklebt werden können, Karteikarten haben ihren eigenen Charme und zerfleddern auch in der Hosentasche nicht so schnell.

A5 ist mein Lieblingsformat für das Notizbuch, das IMMER bei mir ist, das Ur-Buch, sei es in der Handtasche oder neben dem Bett, handlich, leicht zu tragen.

A4 mag ich am liebsten für Mitschriften, Protokolle und für Journaleinträge zu Seminaren, aber auch für Texte, von denen ich noch nicht weiß, wo sie hingehören.

A3 ist genial für Cluster, Strukturbilder aber auch für Texte, die scheinbar nur in diesem Format raus können, z.B. zu emotional schwierigen Themen. Flipchartpapier oder Packpapierbögen ermöglichen Erfahrungen von GROSSEM Denken… und sind besonders hilfreich, wenn neue Denk-Räume erschlossen werden sollen.

Die Wahl des Formats ist auch im bildnerischen Prozess wichtig, z.B. beim Collagieren. Wenn ich mich für A5 entscheide, entsteht eine kleine Collage-Karte, in der ich z.B. eine innere Person, eine einzelne psychische Energie sichtbar machen kann. A4 bietet da schon mehr Raum, es kann eine Narrative Collage, eine ganze Geschichte in einem Bild entstehen. A3 und größer verleiten dazu, sehr viele Bilder zu sammeln und in einer Collage zu versammeln. Für mich passen so große Formate am besten, wenn ich die Collage als Hilfsmittel für Denkprozesse und zum Erforschen von Konzepten und Fragestellungen nutzen will. Auch für Gruppen-Collagen sind große Formate gut geeignet.

Was ist DEIN Lieblings-Papierformat? Wofür verwendest du A5, wofür A3? Welche Erfahrungen hast du damit, neue Formate auszuprobieren und aus gewohnten Formaten auszubrechen?

 

„Schreiben ist nicht so meins…“

…höre ich immer wieder in Vorstellungsrunden von Schreibworkshops. Allerspätestens beim ersten Freewriting fliegen dann die Stifte im rasenden Tempo übers Papier… und die TeilnehmerInnen staunen, wie viel sie in so kurzer Zeit schreiben können… und dass es sogar Spaß macht 🙂
Wenn du bis jetzt über Freewriting nur gelesen, es aber noch nie ausprobiert hast, wie wär`s JETZT damit?
Nimm dir Papier, einen weichen Stift (Füllfeder, Gelschreiber, weicher Bleistift), stell dir den Wecker auf 10 Minuten und los geht`s…Starte mit folgendem Satz und lass dich überraschen, wohin dich dein Stift führt. Beim Freewriting gibts keine Themenverfehlung 🙂

„Am liebsten würde ich…“