Archiv für den Monat Oktober 2015

Warum beim Schreiben die Uhr deine beste Freundin ist

pÜberarbeiten Johanna Vedral

Der Abgabetermin für den Artikel, den Antrag, das Abliefern des Probekapitels rückt näher. Die to-do-Liste wird jeden Tag länger statt kürzer. Die Zeit läuft mir davon und innere Kritiker fangen an zu meckern: Wenn du nur früher mit dem Schreiben begonnen hättest, wärst du jetzt nicht so gestresst. Weißt du noch immer nicht, dass deine Zeitplanung total unrealistisch ist? Musstest du so lange mit der Formatierung herumtrödeln, statt dich mit den schwierigen Stellen zu befassen? Nur noch drei Tage, wie soll da noch ein guter Text rauskommen? Das ist so viel, wo soll ich nur anfangen?

Stopp! Die Zeit ist nicht deine Feindin! Ganz im Gegenteil: die Uhr ist deine beste Freundin, deine Begleiterin in einem entspannten Schreib-Leben. Als Freewriter weißt du ja schon, dass du dir mit der Uhr einen selbstgesteuerten, hochkonzentrierten Raum der Kreativität aufmachen kannst. Auch wenn die Torschlusspanik dich zu überwältigen droht.

Nimm deine Sanduhr oder stell dir den Wecker auf 10 Minuten und beginne zu schreiben, ohne Wenn und Aber. Solange die Sanduhr läuft, darfst du ALLES schreiben, was dir durch den Kopf geht. Du schreibst einfach, ohne zu bewerten, ohne darüber zu grübeln, dass die Zeit läuft, wie viel du noch tun musst, was du noch alles schaffen musst. Du tauchst ein in diesen „space of all possibilities“, den dir Freewriting eröffnet. Du schreibst um des Schreibens willen, und nicht, um ein fertiges Textprodukt abzuliefern. Du erlaubst dir, in den Schreibfluss einzutauchen, schreibend über deinen Artikel oder dein Probekapitel nachzudenken, vielleicht auch die eine oder andere Befürchtung oder Selbstkritik aufzuschreiben. Wenn auf einmal Ideen für deinen streng geheimen Krimi oder das Kochbuch, das du gerne schreiben möchtest, am Papier landen, lass es zu. Erlaube dir, dich frei schreibend durch deine Gedanken zu bewegen. Schreib dich warm, bis die Zeit um ist.

Dann stellst du dir den Wecker noch einmal auf 10 Minuten und legst damit los, den schlechtesten Artikel aller Zeiten zu schreiben. Denk nicht darüber nach, welches der geniale erste Satz sein könnte, der deine Leser fesseln wird. Schreib einfach drauf los, was du in deinem Artikel unbedingt sagen möchtest. Erlaube dir, mit der gleichen Haltung, mit der du dich vorher warmgeschrieben hast, ein Stück von deinem Text zu schreiben, einen Absatz, eine Seite…. Die Uhr ist deine Freundin. Sie gibt dir den Zeit-Rahmen, das sichere Containment für dein Schreiben. Schreib drauflos, was das Zeug hält, 10 Minuten lang… und dann mach eine Pause, beweg dich… und freu dich aufs Weiterschreiben! Deine beste Freundin, die Uhr, wird dich weiter begleiten.

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Leselust & Schreiblust

Die Lust am Lesen und die Lust zu schreiben sind untrennbar miteinander verbunden. Viele Schreibende bekennen, immer schon lesesüchtig gewesen zu sein. Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth sagt, dass sich aus dieser Lesesucht seine Schreibsucht entwickelt hätte.

Andrea Gerk hat der heilsamen Leselust mit „Lesen als Medizin“ ein vergnügliches Buch gewidmet, das mich als Leserin tief berührt hat und somit gehalten hat, was der Titel verspricht. Das Buch liefert nicht nur für BibliotherapeutInnen interessanten Stoff, sondern für alle leidenschaftlichen Leseratten 🙂

„Ich erinnere mich an (…) Buchbegegnungen (…) (sie) stießen weitverzweigte Erinnerungsräume auf, die mir auf ganz andere Weise etwas über mein Leben erzählten als ein Tagebuch oder ein Fotoalbum“, schreibt Gerk und schon bin ich mitten in einem Bild von Hermann Hesse, dem magischen Theater im „Steppenwolf“, ein Gang mit unendlich vielen Türen…

Danke auch für diese Perle, Andrea Gerk :-):

„Eine der einfachsten Möglichkeiten, im Alltag systematisch Flow-Erlebnisse zu produzieren, ist Lesen.“

Gerk, A. (2015). Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur. Berlin: Rogner & Bernhard.

„Meine Werke sind Liebesbriefe“

Briefe Johanna Vedral

„Meine Werke sind Liebesbriefe. Das Begehren, das Sehnen nach einer Nähe zu anderen Menschen prägt mich in meinem Werk“, sagt der Künstler Günther Uecker, der besonders für seine Nagelfelder bekannt ist. Wenn er sieht, wie die Menschen seine Bilder betrachten, „dann lese ich in ihren Gesichtern, was Kunst bewirken kann. Das beglückt mich sehr.“

Jeder Text kann auch als Brief verstanden, ja sogar bewusst als Brief geschrieben werden.

Ist es ein Brief an mich selbst, im Tagebuch, in einem Kuvert an mich versandt oder auf Notizzetteln? „Ich schreibe ständig Briefe an meine rechte Gehirnhälfte. Nur kurze Notizen. Und die rechte Hälfte, die sich immer über kleine Botschaften freut, meldet sich ein, zwei Tage später.“ (Sue Grafton)

Oder ist dein Text ist als Brief an einen wichtigen Menschen, an einen bestimmten Leser gerichtet? Es kann ein Brief an die verstorbene Großmutter, ein Brief an den Vater, an die beste Freundin, an den Geliebten oder die Enkelin sein…

Oder es ist ein Brief an eine Gruppe von Menschen, mit denen du durch gemeinsame Interessen verbunden bist, ein Brief an den „Clan“ sozusagen. Dies kann in einem Blog wie diesem stattfinden oder in einem Artikel für die LeserInnen einer Zeitschrift oder in einem Fachbuch für eine Diskursgemeinschaft oder eine Interessensgemeinschaft.

Oder es ist ein Brief an die ganze Welt, ein Roman, ein Text, der sehr, sehr viele Menschen auf einer zutiefst menschlichen Ebene anspricht, ihnen sozusagen aus der Seele spricht…

Ich glaube, dass das nicht so leicht bewusst zu bewerkstelligen ist, die ganze Welt mit einem Text anzusprechen. In welcher Rolle stehe ich hier? Wie fühle ich mich der ganzen Welt gegenüber? Wie spreche ich die ganze Welt an? Welches Gesicht hat sie? Welcher Tonfall, welche Stimme passt für einen Brief an alle?

Versuche es lieber mit einer bestimmten Person oder einer Gruppe. Überlege dir: An wen richtest du deinen Text? An wen schreibst du deinen Brief? Schreib zwei, drei Versionen deines Briefes. Probiere aus, wie sich dein Text verändert, wenn du ihn an deine Schwester oder eine geschätzte ältere Person oder ein Hörsaalpublikum oder „die ganze Welt“ richtest.

Novelle oder Roman?

Muss wirklich aus jeder deiner Ideen ein Roman mit 70.000 Wörtern Länge werden? Oder darf es auch mal eine Novelle sein? Joanna  Penn​, Autorin von mittlerweile 11 Fiction-Titeln, erzählt im Interview mit Sarah Painter u.a. darüber, dass Novellen am Ebookmarkt „really popular“ sind, was es dem Schreibenden ermögliche, schneller ein neues Buch fertig zu haben und zum nächsten weiter zu gehen, denn  „so you don’t have to write a 70,000 word, 80,000 word book. You can write a 25,000 word novella.“
Liest du selbst gern Novellen oder längere Short Stories? Vielleicht ist das ja dein Genre, in dem du dein Fiction-Schreiben wirklich schön ausleben kannst? Vielleicht magst du dir von Joanna Penns Novelle „One Day in Budapest“ ein Bild machen?

Sehr ermutigend sind auch die Worte der Psychologin & Theologin zum Perfektionismus & der Länge der Überarbeitungs-Phase, die natürlich bei Novellen auch kürzer ausfällt:

„I also think that there’s something very useful about finishing things as well, because if you rewrite the same book, you’re effectively never finishing. And I think that’s something very psychologically healthy, by actually finishing the damn thing and moving on.“

Lass dich inspirieren auf Joannas Blog: http://www.thecreativepenn.com/

z.B. indem du das ganze Interview zu „Fear & Writing“ liest
& keep on writing!

Achtung: Briefe können unglaublich glücklich machen!

Briefe schreiben Johanna Vedral

Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen, nicht länger wehmütig-nostalgisch darüber zu klagen, dass die Zeit des Briefeschreibens vorbei sei. Ich habe begonnen, mit einer lieben Freundin, die leider über 1000 Kilometer weit weg wohnt, die Freuden des Briefeschreibens wieder zu beleben und so auch auf diese Art unsere ganz besondere Verbundenheit zu pflegen. „Die Kunst des Briefeschreibens ist nichts anderes als die Kunst, die Arme zu verlängern“, bringt es der Dichter Denis Diderot in seinem vielzitierten Aphorismus auf den Punkt.
Vielleicht schreibe ich deshalb meinen Enkelinnen seit diesem Sommer so gerne Postkarten, einfach so, weil sie noch zu klein sind, um Mails zu lesen und weil ein lustiges Bild Freude macht? Ich bin schon gespannt, was sie mir schreiben werden, wenn sie schreiben gelernt haben…
Und auf einmal flattern weitere Briefe herein, von nah und fern, und ich freue mich wie ein Kind. „Dabei ist dein Geburtstag doch schon vorbei!“, staunt meine Tochter.
Die Zeit des Briefeschreibens ist definitiv nicht vorbei – es macht mich viel zu glücklich, im Postkasten endlich nicht nur Werbung oder Rechnungen zu finden, sondern handgeschriebene Briefe, für mich 🙂
In diesem Sinne: Schreib mal wieder einen Brief… Und schau, was passiert, wenn du dich auch traust, diesen Brief in ein Kuvert einzupacken, eine Briefmarke drauf zu kleben und ihn in einen dieser gelben Kästen einzuwerfen, die es vereinzelt noch gibt 🙂

Fotomodel: Ysolde P. freut sich über Post