Archiv für den Monat Juli 2015

Was passiert, wenn du einen Tag lang nicht schreibst?

Collage Writing Johanna Vedral

Einmal nicht schreiben. Darf sie sein, die Wortlosigkeit? Was passiert, wenn du einen Tag oder sogar mehrere Tage lang nicht schreibst? Nicht schreibend die Welt, deinen Raum in der Welt absteckst, eroberst, okkupierst, besetzt, in Besitz nimmst? Ist das Schreiben für dich so lebensnotwendig wie das Atmen? Ein Ausdruck deiner Beweglichkeit, deiner Lebendigkeit in dieser Welt? Gilt für dich das Motto: Ich schreibe, also bin ich? Kann Schreiben dich deiner Existenz vergewissern?

Vor 30 Jahren schenkte mir mein damaliger Ehemann einen kleinen Zettel, auf dem er mich als vorhanden, berechtigt und erwünscht bestätigte. Diese handschriftlichen „Legitimationsausweis“ trug ich so lange mit mir herum, bis das Papier sich auflöste. Zu der Zeit erforschte ich auch, was passiert, wenn ich mal einen, zwei oder gar drei Tage nicht schreibe. Es tat mir nicht gut. Ich fühlte mich nicht mehr so gut verwurzelt in der Welt, nicht mehr so gut verbunden. Ich erkannte: nicht die schriftliche Bestätigung meines Mannes gab mir die Existenzberechtigung, sondern ich selbst, indem ich schrieb.

Schreiben ist der verlässlichste Begleiter in meinem Leben, seit ich schreiben kann, das Schreiben ist immer dabei, wie ein innerer Freund, der mir zuhört, Anteil nimmt, sich für meine Fragen Zeit nimmt, mich spiegelt, mich überrascht, mich besänftigt, mir als Klagemauer dient oder als Fußabtreter. Schreiben hat mich verlässlich durch alle meine Lebenskrisen hindurch begleitet.

In meinen Seminaren erforsche ich gerne mit anderen Schreibenden die Beziehung, die jede/r zum Schreiben hat, mit Fragen wie: Bin ich meinem Schreiben eine gute Freundin? Wie gestaltet sich der Tanz zwischen dem Schreiben und mir? Fließe ich mit Leichtigkeit und Lust, weiter zu lernen, durch den Schreibprozess?  Wie geht es mir mit den unterschiedlichen Textsorten? Mit welchen Textsorten fließt es dahin? Und woran könnte das liegen? Was ist besonders lustvoll an diesen Textsorten? Und wo sind Hindernisse, Schwierigkeiten, Herausforderungen? Was passiert, wenn du einen Tag oder sogar mehrere Tage lang nicht schreibst?

Collage: Johanna Vedral

Personal Essay: ein Spiel-Raum für die eigene Stimme

Ich glaube, dass der Personal Essay eine wunderbare Form ist, der eigenen Stimme mutig Raum zu geben.

Das erste Mal außerhalb des Tagebuchs erlebt habe ich die Freude, mit meiner eigenen Stimme über meine persönlichen Wertvorstellungen zu schreiben, bei Schularbeiten – eine, zwei oder gar drei Stunden lang essayistische Schreibfreude! Dann kamen viele andere Textsorten, vor allem wissenschaftliche Texte und verschiedene längere berufliche Textsorten. Ich habe viele essayistische Texte verfasst, die aber nie aus dem Tagebuch rauskamen.

Im Seminar Writers` Tricks 2007 entdeckte ich den angenehm kurzen knackigen Personal Essay – und ich erlebte,  wie ein Personal Essay Schritt für Schritt entsteht. Beim Schreiben eines Personal Essays tauchen Fragen auf wie: Woran glaube ich eigentlich? Kann ich darüber etwas Lesenswertes schreiben? Interessiert sich dafür jemand?

Ich erfuhr: ja, ich darf mich hinstellen und sagen, woran ich glaube! Das erfordert viel Mut – aber es ist erlaubt und heißt Credo Essay. Mehr als Hunderttausend Menschen haben schon so einen Credo Essay auf thisibelieve.org veröffentlicht und lesen auch gerne die Texte anderer! Und dann bekam ich im Seminar mit Judith Wolfsberger zum ersten Mal friendly Feedback auf einen Text, mit konkreten Hinweisen auf starke Stellen und Verbesserungsvorschläge! Ich schwebte heim, so viel nahm ich mir mit aus diesem Seminar.

Jetzt unterrichte ich selbst zum fünften Mal Personal Essay und lerne dabei sehr viel über Schreiben und Mut. Ich lasse mich bei jedem Seminar von neuem darauf ein, meine eigenen Glaubenssätze aufzuschreiben und schreibend zu erforschen, was meine Grundwerte sind.

Warum ist der Personal Essay so eine tolle Textsorte, abgesehen davon, dass sie zum Bloggen taugt? Ich kann mit meiner persönlichen Stimme, mit konkreten Beispielen aus meinem Leben zeigen, dass es darauf ankommt, was ich denke, was ich glaube. Schreiben hat viel mit Mut zu tun. Es ist jedes Mal aufregend, einen Credo Essay zu schreiben. Und es ist aufregend, ihn auch vorzulesen. Mir klopft jedes Mal das Herz bis zum Hals. Jeder Credo Essay macht mich mutiger. Beim Bloggen habe ich viele schnelle Essays geschrieben und diese kaum überarbeitet. Ich habe v.a. geübt, meine persönliche Stimme zu finden. Eine Stimme zu finden, die mir passt wie meine Lieblingsjeans, bequem, authentisch, einfach ich.

Ich glaube, dass der Personal Essay eine wunderbare Form ist, der eigenen Stimme mutig Raum zu geben.

Wie kann ich das Schreiben immer wieder neu für mich entdecken?

Die TeilnehmerInnen meiner Schreibseminare, oft aus schreibenden Berufen , kommen, weil sie das Schreiben neu für sich entdecken wollen. Weil sie es sich leichter machen wollen und mehr Freude beim Schreiben erleben möchten. Oder weil sie ihrer Voice, ihrer persönlichen Schreibstimme wieder näher kommen wollen.

Ich weiß als  unermüdlich seit Jahrzehnten Schreibende viel über das Schreiben. Ich gebe in meinen Seminaren anderen Schreibenden Impulse, wie sie es für sich neu angehen können. Und doch habe ich immer wieder das Gefühl, dass ich gar nichts oder wenig weiß. Schreiben ist ein Kunst-Handwerk, bei dem man nie ausgelernt hat, es gibt auch nach Jahrzehnten des Übens und Lernens immer Neues zu entdecken. Jedes Seminar, das sich halte, zeigt mir von Neuem, wie wichtig es ist, beim Schreiben immer wieder in den Anfängergeist einzutauchen.

Mit jeder Geschichte, die ich schreibe, entdecke ich das Schreiben für mich neu. Ich möchte beim Schreiben immer etwas Neues entdecken, sei es über mein Thema oder über den Schreibprozess. Ich traue mich immer mehr, ganz tief aus mir heraus zu schreiben. ich lasse mich gerne überraschen. Ich liebe diese Heureka-Momente im Schreibprozess.

Wie kannst du das Schreiben neu für dich entdecken? Entweder du startest gleich jetzt mit einem 10minütigen Freewriting, ausgehend von dieser Frage. Oder gemeinsam mit anderen Schreibenden in einem Seminar wie Collage Dream Writing oder Writers` Tricks.

Warum müssen SchriftstellerInnen schreiben?

Collage Dream Writing Johanna Vedral

Die Neurologin Alice Flaherty hat das Gegenteil der Schreibblockade, den Schreibrausch erforscht. Ausgangspunkt war ein monatelanger Schreibrausch, ausgelöst vom Verlust ihrer Zwillinge: „I was flooded with ideas that I had to write about immediately.“

Was genau ist Graphomanie, Hypergraphie, Schreibrausch oder gar Schreibzwang? Wenn der Schreibende wie besessen schreibt und schreibt und schreibt und nicht mehr aufhören kann, feuert das Belohnungssystem in seinem Gehirn auf Hochtouren. Auf einmal ist er high, nur vom Schreiben!

Und was hat das mit der Schreibblockade zu tun? In ihrem Buch „Die Mitternachtskrankheit“ beleuchtet Flaherty die Zusammenhänge zwischen Schreibrausch und Schreibblockaden. So sagt sie z.B., dass die Perioden der Brache, die einige Autoren Schreibblockaden nennen, für andere ein Fermentationsstadium des kreativen Prozesses seien. Und Schreibrausch und Schreibblockade seien nicht mehr als zwei Seiten einer Münze: „Depending on how you look at it, the „disease“ could be either writing or writer’s block. In one case, you can’t stop, in the other you can’t start.“

Aus neurologischer Sicht sind zum Beispiel drei tief sitzende Zyklen wichtig für die Stimmung und die Kreativität: Schlafzyklus Jahreszeitenzyklus und der Hormonzyklus.An diesen Zyklen kann daher  auch  bei Schreibblockaden angesetzt werden.

Aber: Warum müssen Schriftsteller schreiben? Flaherty fasst neurologische Erkenntnisse zu dieser Frage so zusammen: Leiden löst die Aktivität des limbischen Systems und der Schläfenlappen aus und steigert daher das Verlangen zu schreiben und zu kommunizieren. Aber: was außer physischem Leiden und Krankheit spornt normale Menschen dazu an, zu schreiben? Der Hauptgrund ist fast immer etwas Ähnliches wie eine Krankheit, sagt Flaherty, nämlich Liebe, besonders unglückliche Liebe. Aber auch andere Formen des Leidens, wie eine unglückliche Jugend oder die Erfahrung von Krieg, Verlust geliebter Menschen etc. usw. können Schreibzwang auslösen.

Die Muse ist aus neurologischer Sicht also „merely a matter of making the right brain connections“ 🙂

Dr. Alice Flaherty ist Associate Professor of Neurology an der Harvard Medical School und Autorin mehrerer Bücher, u.a. „The Midnight Disease: The Drive to Write, Writer’s Block, and the Creative Brain.“ (2004)/ auf Deutsch: „Die Mitternachtskrankheit. Warum Schriftsteller schreiben müssen“

Collage: by Johanna Vedral

Schreibtreffs: Wenn ich nur aufhören könnte…

Es ist ja nichts Neues, dass eine Community of Writers nicht zu unterschätzen ist. Nach zwei aufeinander folgenden Vormittags-Schreibtreffs an unterschiedlichen inspirierenden Orten freue ich mich riesig aufs nächste Mal! Leider morgen nicht 😦

Schreibtreffs, bei denen nicht mehr passiert als Schreiben in Gesellschaft: sich nach einer kurzen Runde, in der jed/r ein paar Sätze über das Schreibvorhabens des Tages sagt, eine ausgiebige Schreibzeit von knapp 2.5 Stunden gönnen und abschließend eine Runde mit ein paar Sätzen über das, was wirklich geschrieben wurde. That`s it. So simpel, so wirksam!
Auch spannend: Schreibtreffs, bei denen nicht nur gemeinsam geschrieben wird, sondern auh Raum für Textfeedback ist. Oder zu Retreats ausgedehnte Schreibzeiten – ein paar Tage, eine Woche, noch länger…

Was ist jetzt die bahnbrechende Neuigkeit, die ich hier zu verkünden habe? Dass alle, die ernsthaft Motivation und Commitment für ihre Schreibprojekte stärken wollen, sich nicht nur Schreibzeiten mit sich alleine ausmachen sollten? Dass Schreibtreffs am besten nicht nur alle heiligen Zeiten mal (besser als nie!) oder einmal pro Woche (schon besser!) stattfinden sollten – sondern besser öfter? Und gerne mit wechselnden Menschen, an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten… Gib deinem Schreiben, deinen Schreibprojekten, deinem writing life einfach mehr Raum, mehr Bedeutung – und tauche ein in den flow!

Ich wünsche uns allen viele produktive Schreibtreffs!
P.S.: Am Donnerstag, 16.Juli 18-21 Uhr kannst du in einen von mir moderierten Schreibtreff kommen: Schreibfabrik mit friendly feedback. Schreibst du mit?