Archiv für den Monat Mai 2015

Drei Wochen Digital Detox: der wandernde Geist

Jochen Manz

Könnte es sein, dass wir die Kunst, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, verlernt haben, weil wir ständig erreichbar und nirgendwo mehr richtig anwesend sind?

Zwangsentwöhnung von der Erreichbarkeit gilt als Digital Detox als hipper Urlaubstrend. Scheinbar brauchen viele Menschen mittlerweile auch Anleitungen, sich mal vom Internet abzukoppeln… Warum eigentlich? Ist doch alles so schön bunt hier… Und wir sind doch alle super-multitasking-fähig, oder? Warum sollte man sich also immer wieder mal richtige Offline-Zeit gönnen?

„Die innere Tendenz, von anstrengender Konzentration abzuschweifen, ist so stark, dass der wandernde Geist nach Ansicht der Kognitionsforscher den Grundzustand des Gehirns darstellt“, sagt der Psychologe Daniel Goleman in seinem Buch „Konzentriert euch!“ Die dauernde Reizüberflutung und das Multitasking verhindern dieses Schweifen des Geistes, zu ungelösten Aufgaben, zu persönlichen Sorgen, kreativen Problemen und Selbstreflexion. Der räumliche und zeitliche kreative Kokon, der z.B. beim Spazierengehen (ohne Handy!) entsteht, kann sich nicht bilden. Denn ein Leben voller digitaler Ablenkungen ist mit einer nahezu ständigen kognitiven Überforderung verbunden.

Die Ablenkungen durch das ständige Online-Sein und das Multitasking-Chaos verhindern aber nicht nur das kreative Schweifen des Geistes, sondern auch die Konzentration, d.h. die selektive Aufmerksamkeit, die zur Vertiefung notwendig ist: „Scharfe Konzentration setzt den Schaffensraum in Gang“, sagt Goleman.

Was Besseres kann mir als Schreibender also nicht passieren: Juhu, vor mir liegen drei Wochen Digital Detox Urlaub im Grundzustand des Gehirns! Drei Wochen lang keine Mails bearbeiten, keine Blogs schreiben, nicht an meinem Sachbuch und auch nicht an meinen Short Stories feilen, keine Internetrecherchen und auch keine youtube-Videos, kein genüssliches Zeitverplempern mit Social Media… Denn der Laptop bleibt zuhause! Das Handy kommt zwar mit, wird aber die meiste Zeit in den Offline-Modus versetzt. Auch keine Bücher kommen ins Reisegepäck. Nur mein neues leeres Notizbuch und meine Füllfeder mit ausreichend Tintenpatronen. Denn Schreib-Fasten verordne ich mir sicher nicht! 🙂

Text: Johanna Vedral
Foto: Jochen Manz

Vom Schreiben langer Texte

Zum Nachhören: „Der große Wurf. Vom Schreiben langer Texte“ http://oe1.orf.at/programm/403975

(bis 16.Mai online)

Natürlich hab ich zu dem Thema auch meinen Senf dazugegeben… in illustrer Gesellschaft 🙂 u.a. Judith Wolfsberger, Miki Martinek, Ernst Jandl, Franz Schuh, Maria Nicolini u.a.m.

Ich kann mich aber noch immer nicht so recht an meine Stimme im Radio gewöhnen und wie einzelne „Sager“ aus dem Zusammenhang geholt und neu zusammengeschnitten werden…

Paid for: Das Survivor Memoir einer Ex-Prostituierten

Memoir Writing Johanna Vedral

Die Irin Rachel Moran erzählt in ihrem erschütternden Memoir „Was vom Menschen übrig bleibt: Die Wahrheit über Prostitution“ („Paid for“) von den 7 Jahren ihres Lebens, in denen sie als jugendliche Prostituierte überlebte.

Dieses Memoir erzählt von Morans Kindheit und Jugend in einer dysfunktionalen Familie, von Obdachlosigkeit und dem vermeintlichen rettenden Strohhalm, den die Prostitution für sie als 15jährige darstellte. Die Leser/innen finden hier aber keine pornografischen Schilderungen von Sexszenen wie in manch anderem Erotic Memoir, sondern schonungslos ehrliche Reflexionen über eine Zeit, die für die Autorin nur schwer auszuhalten war.

Rachel Moran räumt auf mit Mythen wie „Selbstbestimmtheit von Prostituierten“, „Freiwilligkeit“ oder gar „Spaß“ in diesem Gewerbe und zeigt, wie eng wirtschaftliche Not, Armut und Obdachlosigkeit mit Prostitution zusammenhängen. Sie berichtet davon, wie sie und alle ihrer ehemaligen Kolleginnen sich beim Ausüben ihrer Tätigkeit dissoziieren, sich selbst entfremden, d.h. aus ihren Körpern, von ihren Gefühlen weg-beamen, mit mentalen Übungen oder mit Drogen, um die Entmenschlichung, den Ekel und den wiederholten bezahlten Missbrauch aushalten zu können.

Moran fragt, wie es die Seelen der Männer verkrüppelt, die Sex kaufen, die Sex als etwas erleben, bei dem die Frau entmenschlicht und wie eine Sexpuppe behandelt wird. Sie fragt auch, welche Einstellung zu Sex und körperlichem Zusammensein zwischen Mann und Frau Männer, die Sex bei Prostituierten oder in Form von Pornos kaufen, in ihre Beziehungen zu Freundinnen und Ehefrauen hineintragen. Was es mit der Beziehung zwischen Männern und Frauen macht, dass Männer Sex kaufen können von Frauen, die sie entmenschlichen, erniedrigen oder misshandeln, weil sie meinen, durch die Bezahlung ein Recht darauf zu haben.

Und was es für junge Mädchen bedeutet, für ihr Gefühl von sexueller Ganzheit, Unversehrtheit, Sicherheit, dass Frauen gekauft werden können. Wie Handys. Oder Pudel. Oder Wegwerfkameras.

Text: Johanna Vedral
Bildquelle: Emma

Nichts für Zahnarztphobiker: „Tausend kleine Scherben“ von James Frey

Memoir Writing writersstudio

Ich wollte es wissen: Ich habe ein millionenfach verkauftes Survivor Memoir gelesen. In seinem 2003 publizierten „Tausend kleine Scherben“ (A Million Little Pieces) beschrieb der Autor James Frey seine kriminelle Karriere, seine Drogen- und Alkoholsucht und sechs Wochen in einer Entzugsklinik und landete damit in den amerikanischen Bestsellerlisten ganz vorne. Bis heraus kam, dass Freys Geschichte kein Memoir, sondern ein autobiografisch gefärbter Roman und deshalb nicht jedes beschriebene Ereignis selbst erlebt war. Eine riesige mediale Entrüstung um Wahrheit und Fiktion brach los – und steigerte noch Freys Popularität.

Das Buch hat mich weder als Roman noch als Memoir überzeugt. Trotzdem habe ich es fertig gelesen. Ich wollte wissen, was Millionen Leser/innen fasziniert hat. Der Ich-Erzähler ist mir zu sehr American Bad Guy Hero… Die Sprache ist wuchtig. Frey kann starke Bilder erzeugen. Unvergesslich die Zahnpraxisszene: eine äußerst detailliert und minuzös geschilderte Wurzelbehandlung mehrerer Zähne ohne Spritze… Die selbstreflexiven Passagen, vor allem, woher sein Überlebens- und Kämpferwille nach der totalen Selbstvernichtung kam, sind für mich aber größtenteils nicht nachvollziehbar. Der durchgehende Stream of Consciousness war für mich streckenweise anstrengend und langatmig. Ich wünschte mir beim Lesen Breaks, Schnitte, Cuts, kürzere Kapitel. Aber ich konnte einiges über das AA-Programm lernen und seitenweise Exzerpte aus dem I Ging lesen. Und dass es hilfreich sein kann, sich mit einem Mafiaboss anzufreunden J

Bildquelle: http://zaehne-putzen.com/tag/zahnarztphobie

Misery Memoirs: Die Faszination des Grauens

Collage Writing Johanna VedralWarum lesen Menschen so gerne wahre Geschichten von grauenhaften Kindheiten, Folter, Missbrauch und Schicksalsschlägen?, fragt Silvia Jelincic. Eine große Frage…

Krimis, Thriller, Horror und seit den 90ern das Memoir, ganz besonders das Misery Memoir oder das Survivor Memoir, zählen zu den beliebtesten Genres in Literatur und Film. Auch in den Nachrichten dominieren Mord, Krieg und Verbrechen. Die Faszination des Menschen für Gewaltdarstellungen wird auch in Computerspielen und auf diversen Internetseiten deutlich sichtbar.

Gibt es so viele traumatisierte Menschen, die in Misery Memoirs, Horrorfilmen und brutalen Computerspielen ihre Traumata aufzuarbeiten versuchen? Oder ist dieses Interesse am Bösen, Dunklen und Grauenhaften Ausdruck davon, dass wir in einer Kultur der digitalen Selbstentblößung leben? Durch die Vielfalt der modernen Medien scheinen die Bilder und Stories von unsäglichem Grauen allgegenwärtig und viel präsenter als früher zu sein. Doch die Faszination des Grauens ist kein Phänomen unserer Zeit, sie lässt sich weit zurückverfolgen. So gab es bereits im 18. Jahrhundert einen wahren Boom der Faszination an Brutalem, Grauenhaftem, Verbrechen und Krankheit (Frankenstein, Dracula, Cthulhu usw.).

Was steckt hinter dieser Lust am Grauenvollen, die uns Horror, brutale Pornos, Splatter oder gar Snuff Videos genießen lässt? Was fasziniert am Schicksal eines Holocaust-Überlebenden, eines Kindes, das in einem Keller gefangen gehalten und missbraucht wird? Was lässt uns vor Lust erschaudern, wenn wir von den erniedrigenden Erfahrungen einer Crack-Überlebenden lesen? Woher kommt diese Lust-Angst?

„Das Wissen, dass wir selbst unversehrt aus diesen schrecklichen Erlebnissen hervorgehen können, ist die Voraussetzung für das lustvolle Empfinden von Angst“, sagt Manuela Weiß: „So wandelt sich ein unerwarteter Schock für den Menschen schnell in Lust, wenn er bemerkt, dass keine wirkliche Gefahr besteht. Dieses Phänomen sorgt im Horrorfilm für Vergnügen an den Schockelementen. (…) Die Konfrontation mit dem Tod kann sogar zur höchsten Lustquelle avancieren, da aus der schlimmsten aller Ängste die höchste Angstlust erwächst.“

Laut Sigmund Freud spiegelt das Interesse des Menschen für alles Niedere, Unmoralische und Schreckliche seine archaischen Triebregungen. Anders gesagt: Der Mensch ist eine Bestie, mit einer dünnen Tünche Zivilisation drüber. Eine zivilisierte Form, „die Bestie raus zu lassen“, ist, gemütlich und in wohliger Sicherheit am Sofa Filme anzuschauen oder Geschichten zu lesen, in denen andere Menschen Schreckliches erleben.

An welches menschliche Grundbedürfnis Survivor Stories andocken, erklärt Lisa Cron („Wired for story“) so: „Story originated as a method of bringing us together to share specific information that might be lifesaving.“ D.h. beim Lesen von schrecklichen true stories sind wir von dem Bedürfnis angetrieben, Überlebensstrategien zu finden, für den Fall, dass wir selbst einmal in so eine Situation kommen. Man weiß ja nie.

Johanna Vedral

Bildquelle: „Open the door“, Collage von Johanna Vedral

Das Memoir – ein Schreckenskabinett?

Collage Writing Johanna Vedral

Wir lesen gerne wahre Geschichten von Menschen, die schreckliche Ereignisse überlebt haben. Eine Fülle von Holocaust Memoirs, u.a. “Trotzdem Ja zum Leben sagen” von Viktor Frankl, legen Zeugnis ab und zeigen den Leser/innen, wie es möglich ist, Konzentrationslager zu überleben. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es das Genre des Misery Memoirs, beginnend mit Dave Pelzers 1995 erschienenem “A Child Called “It” (deutsch: Sie nannten mich Es). Darin beschreibt Pelzer seine unfassbar grauenhafte Kindheit.

Dieses Memoir führte mich, so wie auch viele andere Memoirs, als Leserin durch ein Schreckenskabinett, in Kellern gefangene, gefolterte, lebensgefährlich missbrauchte Kinder, Berichte aus unvorstellbaren Höllen, die sich nach außen hin „Familien“ nannten, Abgründe von Sucht und Gewalt… Als weitere millionenfach verkaufte derartige Misery Memoirs sind „A Million Little Pieces“ von James Frey, ein Bericht über seinen Weg hinaus aus Sucht und Gewalt, zu nennen, aber auch Bücher von Augusten Burroughs, der ebenfalls Sucht und dysfunktionale Familienverhältnisse beschreibt.

Das Oxford Dictionary definiert das Misery Memoir als „an autobiographical work in which the author recounts personal experiences of abuse or other trauma, typically suffered during childhood, and their eventual recovery from such experiences.“

Viele Misery Memoirs erzählen schreckliche Geschichten, ohne sie zu verarbeiten oder zu reflektieren und tun so den Leser/innen, die nach gelungenen Überlebensstrategien suchen, nichts Gutes. Memoirs wie die von Dave Pelzer haben Wunden in mir hinterlassen, Schreckensbilder, die hochkommen wie eigene traumatische Erinnerungen. Einige dieser gequälten Kinder bevölkern nun neben meinem inneren gequälten Kind so manch dunklen Raum.

Texte wie diese sind meines Erachtens zu früh publiziert worden und für viele Leser/innen nur schwer auszuhalten. Es ist verständlich, dass die Autor/innen diese Texte so schnell wie möglich loswerden wollten, weil es schwer auszuhalten ist, solche Erinnerungen wieder zu erleben. Aber es ist notwendig, weiter zu gehen, vielleicht nicht gleich nach dem ersten Rohtext, aber auf jeden Fall vor dem Schritt in die Öffentlichkeit: wieder und wieder die erste Fassung der Erinnerungen hernehmen, sie überarbeiten, sie verwandeln. Nicht beschönigen oder glätten, sondern durcharbeiten und so dem Leser eine Form präsentieren, in der er nicht ins nackte Grauen eintaucht, sondern in das reflektierte Leben…

Dave Pelzer hat mittlerweile sieben weitere autobiographische Bücher veröffentlicht, hat also seit seinem ersten, viel zu nahe am Trauma angesiedelten Memoir, weiter an sich gearbeitet und widmet sein Leben dem Kampf für Kinderrechte. Diese Transformationsarbeit ist für mich das spannendste und wertvollste am Memoir-Prozess. Nicht nur mein Elend „rauszukotzen“, sondern es zu verwandeln, um so immer mehr innere Räume mit Licht erfüllen.

Johanna Vedral

Bildquelle: Collage von Johanna Vedral