Archiv für den Monat April 2015

Memoir schreiben: Kann das nicht einfach so stehen bleiben, wie es ist?

Collage Johanna Vedral

Ein wichtiger Lernprozess beim Memoir-Schreiben ist, nicht beim ersten Aufschreiben von Erlebtem stehen zu bleiben. Nicht nur die Erinnerungen niederzuschreiben und sie dann so stehen zu lassen. Nicht nur Licht in bislang dunkle Räume in unserer Psyche zu werfen, sondern mit diesen Räumen vertraut zu werden, um schließlich weiter zu gehen, weiter zu forschen. Das braucht Geduld.

In den USA, wo gerade die „misery memoirs“ am populärsten sind, wird mittlerweile auch kritisch reflektiert, dass viele Schreiber/innen dieser Memoirs ihre schrecklichen Erlebnisse noch nicht genug durchgearbeitet haben: „Memoir writing is not the trauma-olympics“, bringt Brooke Warner es auf den Punkt.

Wie kann das aussehen, dieses Durcharbeiten von Erinnerungen? Indem ich mich daran mache, den first draft, den Rohtext hinzuschreiben. Mich traue, in Erinnerungen einzutauchen und sie so schreibend wieder zu erleben, in einem Tempo, das mir guttut. Und mit einer wohlwollenden, versöhnlichen Haltung meinem jüngeren Ich gegenüber. Hier ist intensive Selbst-Heilungs-Arbeit möglich.

Große Fragen an mein Leben brauchen Zeit und einen liebevollen, vielleicht auch erbarmungsvollen Blick zurück, im Tagebuch oder in Memoir-Freewritings im geschützten Rahmen einer Gruppe:

  • Wie viel Verborgenes, Verstummtes, Unsichtbares mache ich auf Papier sichtbar?
  • Wie viel von der rohen, der oft schmerzhaften Wahrheit erlaube ich mir, aufzuschreiben?
  • Was ist meine ureigene Wahrheit, meine Erinnerung, mein Geheimnis?
  • Erlaube ich mir, mein Memoir nur für mich zu schreiben, nur für meine Heilung? Erlaube ich mir, mich ganz auf diesen Schreibprozess einzulassen?

Vieles darf einfach so stehenbleiben, in unseren ganz privaten Notizbüchern. Das erste Aufschreiben ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Heilung, um die innere Stille, das Schweigen zu brechen.

Dann kommt eine neue Schwelle: das Überarbeiten. Neue Fragen tauchen auf:

  • Reicht es mir, dass ich diesen schrecklichen Tiefseefisch ans Tageslicht gebracht habe? Mich mit diesem Schmerz konfrontiert habe? War es genug für mich, all das Entsetzliche noch einmal durchlebt zu haben, indem ich es aufgeschrieben habe? Kann das nicht einfach so stehen bleiben, wie es ist?
  • Möchte ich mein Memoir jetzt wirklich noch einmal in die Hand nehmen und überarbeiten? Etwas daraus machen? Es verwandeln?
  • Mit wem möchte ich mein Memoir teilen?
  • Ist es nur für mich? Lese ich  es in der Schreibgruppe vor? Oder veranstalte ich eine Lesung? Im intimen Kreis? Dürfen Freund/innen mein Memoir lesen? Oder möchte ich es veröffentlichen, dass es jede/r lesen kann?

Du bist noch mittendrin im Schreiben? Bleib dran! Forsche mutig weiter, z.B. mit Natalie Goldbergs Anregung: Ich erinnere mich…

Autobiographisches Schreiben kann dein Leben retten

How-the-Light-Gets-InAutobiographisches Schreiben kann dein Leben retten, sagt Pat Schneider in ihrem Memoir „How the light gets in. Writing as a spiritual practice“: Die von Peter Elbow geschätzte amerikanische Schreiblehrerin („The wisest teacher of writing I know!“) unterrichtet seit über dreißig Jahren Creative Writing und publiziert v.a. Lyrik.

Wie kann Schreiben Leben retten? Indem wir wagen, dunkle, schmerzhafte Bereiche in unserer Erinnerung aufzusuchen und schreibend Licht hinein zu bringen. Das was verschwiegen, ungesagt blieb, die Psyche vergiftete, darf nun ins Licht.“Something in me that was broken, cracked – becomes whole. The cracks, if I write them with utter honesty, are where the light gets in. The present meets the past, and healing begins.“

Aber: Pat Schneider plädiert dafür, nicht jedes Schreiben zu teilen. Sie sagt: „We must hold the most sacred writing in privacy, (…), until (…) it becomes safe (…) to share it with others. Some things we write may never be shared.“ Und das ist gut so. Es gibt Themen, die reif sind, z.B. in einer Memoir-Gruppe hervorzukommen, geteilt zu werden, zu einem Stück Literatur zu werden. Aber es ist notwendig, darüber zu schreiben, im Tagebuch, in der Schreibgruppe – ohne es vorzulesen. Einfach im schützenden Rahmen einer Gruppe von Schreibenden die bisher verborgende Dinge ans Licht bringen und so nicht länger vor sich selbst schweigen.

Denn: allein für uns aufzuschreiben, was unser inneres Auge sieht, unser inneres Ohr hört, bedeutet „to break silence.“ Wenn wir diese Texte dann auch in einem schützenden Rahmen vorlesen oder gar publizieren, „it fully breaks silence.“ Es ist aber nicht notwendig, Texte zu teilen, um das heilende Potenzial des Schreibens zu erfahren, denn: „If we write and never show it (…), we have nevertheless broken an inner silence, and in the very act of writing will have let some light in to the inner space that needed light.“

P.S.: Der Titel von Pat Schneiders Memoir „How the light gets in“ ist inspiriert von Leonard Cohens Song „Anthem“, wo er singt: „Ring the bells that still can ring, forget your perfect offering. There is a crack in everything. That`s how the light gets in.“

Warum ist die Verbindung von Yoga und Schreiben so wohltuend?

http://www.zentrum-prema.at/Schreiben ist die große Liebe meines Lebens. Schreiben macht mich glücklich und lässt mich in den Flow eintauchen. In meinen Schreibseminaren vermittle ich daher Freude am Schreiben, ob es sich um wissenschaftliche, berufliche oder literarische Texte handelt.

Der Yoga-Flow ist wie ein Tanz mit der eigenen Energie. Amalia Kernjak vermittelt die sanften und zugleich kräftigenden Yoga-Flows achtsam, ermutigend und heiter. Die Yoga-Flows helfen mir, aus dem Denken und Analysieren heraus zu treten und so ganz in das liebevolle, erbarmende Erforschen der Räume im Körper und im Geist einzutauchen. Deshalb freue ich mich ganz besonders, gemeinsam mit Amalia einen Wohlfühltag zu gestalten, bei dem wir Yoga und Schreiben verbinden: Sa. 13. Juni 10-18 Uhr in Klosterneuburg. Mehr Infos: hier

Für wen ist der One Day Yoga Writing Retreat geeignet?

  • Wenn du schon eine Liebesbeziehung mit dem Schreiben lebst, möchte ich dich einladen, die geniale Verbindung von Yoga und Schreiben in diesem One Day Yoga Writing Retreat zu erforschen. Erlebe, wie dadurch mehr Raum und Flow im Körper und im Geist entstehen darf und das Schreiben leichter fließt.
  • Du fühlst dich wohl mit Yoga, aber deine Beziehung zum Schreiben ist eher zwiespältig? Du schreibst nur widerwillig, wenn es sein muss, würdest aber gerne erleben, dass es leicht und lustvoll sein kann? Entdecke, wie du die Leichtigkeit und den Flow vom Yoga ins Schreiben übertragen kannst. Folge mit Freewriting der Spur deiner Freude und tanke so neue Kräfte!