Ja, schämst du dich denn gar nicht?

„Schatten ist, was wir verborgen halten, weil es uns unwert machen würde, eben das, was in der Scham so peinlich enthüllt wird.“ (Schüttauf et al.)

Beim Schreiben kannst du deine Schamgrenzen erforschen, sei es bei autobiografischen oder bei fiktionalen Texten. “Tu, was immer du tun willst. Lass es einfach zu. Scham ist nichts für Schriftsteller (…)“, schreibt Philip Roth. „Man darf sich nicht den Kopf über Anstand zerbrechen. (…) In meinem übrigen Leben empfinde ich jede Menge Scham, nicht weniger als jeder andere. Aber wenn ich schreibe, bin ich frei davon.“

Du kannst die Schattenanteile deiner Persönlichkeit mit fiktiven Charakteren auf Papier ausleben. Aber: Wie viel Freiheit erlaubst du dir bei ganz privaten Texten? Wie weit traust du dich beim Schreiben zu gehen? Erlaubst du dir, über alles zu schreiben oder zensierst du dich beim Schreiben, damit das Ganze schicklich, anständig und innerhalb der Normen deiner Gesellschaft bleibt? Traust du dich über Themen zu schreiben, die nicht zu deinem Ideal-Bild von dir selbst passen? Wie geht es dir mit Tabu-Themen?

Aber, mal ehrlich: welche Bücher findest du als LeserIn spannend? Die, in denen alles schicklich, keimfrei und brav abläuft? Oder liest du vielleicht doch lieber über Charaktere, die Grenzen ausloten oder überschreiten, die unmoralisch, pervers oder böse sind?

Probier`s gleich aus, die Scham schreibend zu erforschen: Theo Pauline Nestor empfiehlt in ihrem Artikel „Shame, Vulnerability and the Art of Writing Memoir“:

  1. Schreib 10 Minuten frei zu folgendem Zitat von Brené Brown: “The one thing that keeps us out of connection is our fear that we’re not worthy of love and belonging.”
  2. Mach eine schnelle Liste mit Situationen, in denen du dich geschämt hast.
  3. Such dir eine Erinnerung an Scham aus und schreib sie szenisch nieder.
  4. Schreib eine schnelle Liste. Wen bewunderst du für seinen Mut zu seiner Verletzlichkeit, seinem Nicht-Perfekt-Sein? Wer beeindruckt dich, weil er/sie sich nicht schämt, zu sprechen/schreiben, statt zu schweigen? „Who are the Wholehearted in your life?”
Author Profile: Mag. Johanna Vedral begleitet Studierende beim Schreiben ihrer Abschlussarbeiten (Masterthese, Diplomarbeit, usw.) mit Lektorat, Developmental Editing und konstruktivem Textfeedback. Sie gibt Einzelcoachings und Workshops, hält Vorträge und schreibt Bücher. Hier geht es zum Beratungsangebot.
Kontakt: johanna.vedral (at) schreibstudio.at   www.schreibstudio.at
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